Pferde können die menschliche Mimik verstehen und richtig deuten.

Bevor Sie das nächste Mal zu Ihrem Pferd fahren, sollten Sie sich genau überlegen, mit welchem Gesichtsausdruck Sie ihm begegnen werden. Denn Pferde sind wahre Meister darin, Mimik und Gesichtszüge genau zu erkennen, und die damit verbundenen Emotionen zu interpretieren. Und zwar nicht nur untereinander, sondern auch in den Gesichtern von uns Menschen. Das haben erst vor kurzem Verhaltensstudien englischer Wissenschaftler der Universitäten von Sussex und Portsmouth bewiesen.

 

Erinnerung für Emotionen

Als Herdentiere von klein auf darauf konditioniert, über Blickkontakte mit den anderen Herdenmitgliedern zu kommunizieren, sind Pferde dabei auch in der Lage, nicht nur die momentane Laune ihres Gegenübers zu verstehen und richtig zu deuten. Sie können sich sogar daran erinnern, wie das Gegenüber, egal ob Pferd oder Mensch, bei der letzten Begegnung emotional drauf war, und sie verhalten sich dann auch dementsprechend. Und das hat weitreichende Folgen für das Zusammensein von Pferd und Reiter. Denn ist zum Beispiel die letzte Trainingseinheit neulich -warum auch immer- irgendwie danebengegangen, und haben Sie sich beim Abschied enttäuscht oder gar zornig von Ihrem Pferd getrennt, wird es diese Emotion bei der nächsten Begegnung wieder auf Sie projizieren. Und sich natürlich auch dementsprechend verhalten. Deshalb formulierten schon die alten Reitmeister vergangener Jahrhunderte -längst noch ohne die Kenntnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen der britischen Forschenden- den Satz: „Beschließe jede Übung mit deinem Pferd positiv, und trenne Dich stets im Guten von ihm.“ Diese Fähigkeit, sich die Gefühle von Menschen merken zu können, ist nach heutigem Kenntnisstand bei Pferden im Tierreich bisher übrigens einzigartig.

Pferde sind „Augentiere“

Anders als etwa Hunde mit ihrer extrem sensiblen „Schnüffelnase“ sind Pferde ausgesprochene „Formenseher“. Das bedeutet, dass sie sich über Blickkontakt sehr genau und blitzschnell an den Formen der Dinge ihrer Umwelt orientieren. Und dazu zählt eben auch der momentane Gesichtsausdruck eines Menschen. Pferde haben es im Laufe ihrer Jahrtausende währenden Domestikation gelernt, die menschliche Mimik und Gestik zu entschlüsseln. Und nicht nur das. Sie können einen entsprechenden Gesichtsausdruck auch der betreffenden Stimmung und Laune des Menschen zuordnen. Wenn Sie also die Box Ihres vierbeinigen Partners mit einem langen, sorgenvollen Gesicht betreten, weiß Ihr Pferd in Sekundenbruchteilen, dass mit Ihnen irgendetwas nicht stimmt. Je nach Temperament des Tieres fällt dann seine Reaktion auf Ihre Anwesenheit entsprechend aus – auch das konnten die britischen Wissenschaftler mit ihren Untersuchungen beweisen. Das funktioniert aber natürlich auch umgekehrt: begrüßen Sie Ihr Pferd etwa mit einem fröhlichen „Na, alter Freund, alles okay?“, ist für Ihr Pferd alles Paletti, und der Tag oder zumindest die Stunden mit Ihrem Pferd gehören Ihnen.

 

Schummeln funktioniert nicht

Weil Pferde menschliche Gesichtsausdrücke so gnadenlos präzise „abscannen“ und interpretieren können, macht es auch keinen Sinn, sich ihnen gegenüber verstellen zu wollen. Das macht es gerade für Einsteiger in den Reitsport oder Personen, die -aus welchen Gründen auch immer- Angst vor ihrem Pferd (bekommen) haben, so schwierig, einen vorbehaltlosen Kontakt aufzubauen. Als Mensch kann ich mir zwar einreden „Ich habe keine Angst vor diesem Pferd und dieser Reitstunde, alles wird gutgehen“. Aber die unbewusste Körperhaltung und vor allem der Gesichtsausdruck des Betreffenden sprechen für das Pferd Bände. Seitenweise. Und je nach Temperament und Veranlagung wird der Vierbeiner dann daraus seine Schlüsse für sein Verhalten dem Reiter gegenüber ziehen.

Anders herum kann aber auch ein allzu selbstbewusstes „Erscheinungsbild“ eines Menschen (also die Gestik, und vor allem die Mimik) nach dem Motto „Wart‘ nur ab Freundchen, du wirst schon tun, was ich von dir will“ im Sattel gründlich daneben gehen. Denn gerade sehr charakterstarke Pferde haben es dann durchaus drauf, einem solchen Reiter gewissermaßen den „Stinkefinger“ zu zeigen, und ihn gnadenlos auszutesten. Was ja auch nicht im Sinne eines echten Horseman sein kann. Der Tipp von Psychologen und anderen Coaches, sich seinem Gegenüber am besten immer authentisch zu verhalten, gilt also auch für das Zusammensein zwischen Pferd und Reiter. Und hier sogar ganz besonders.