Manche Gerüchte über Pferde und das Reiten sind zwar längst überholt, halten sich aber in vielen Reiterköpfen immer noch hartnäckig. Doch so mancher „alte Zopf“ wäre in der Mottenkiste besser aufgehoben als auf dem Reitplatz oder in der Reithalle.

Der Kasernenhofton in den Reitstunden, qualvolle Ständerhaltung in viel zu engen Pferdeboxen – vieles, was Reiter und Pferde einst arg bedrängt hat, ist im modernen Reitsport zum Glück abgeschafft worden und nur noch ein Relikt der Vergangenheit. Es gibt aber immer noch so manches unsinnige Gerücht, das sich trotz besseren Wissens nicht ausmerzen lässt. Hier eine kleine Auswahl:

 

Nur von links aufsteigen - Diese von Reitschülern wohl am häufigsten gehörte Anweisung ist so alt wie falsch. Sie stammt noch aus der Zeit, als die Soldaten der berittenen Militäreinheiten mit Säbeln ausgerüstet unterwegs waren. Und da die meisten Dragoner, Kürassiere und andere sattelfeste Soldaten schon damals Rechtshänder waren und deshalb den Säbel stets links am Gürtel trugen, war das Ding beim Aufsteigen von rechts natürlich im Weg. Heute ist im Reitsport glücklicherweise niemand mehr mit einem Säbel unterwegs. Trotzdem wird immer noch beständig von links aufgestiegen. Und auch die Pferde sind derart daran gewöhnt, dass es zu Problemen kommen kann, wenn der Reiter einmal gezwungen ist, von rechts aufzusteigen. Dabei kann es mitunter ganz nützlich sein, sich und sein Pferd an das spiegelverkehrte Aufsitzen zu gewöhnen. Denn beim nächsten Ausritt ins Gelände kann es ja tatsächlich mal passieren, dass man nach einer Pause gezwungen ist, von rechts im Sattel Platz zu nehmen. Aufstiegshilfen sind im Gelände ja meist eher Mangelware. Und: Abwechselnd aufzusteigen verhindert außerdem, dass sich der linke Bügelriemen mit der Zeit länger austritt als der rechte. Kleiner Tipp: Üben Sie das Aufsteigen von rechts besser erst einmal an Ihrem Fahrrad. Das seitenverkehrte Umdenken ist nämlich gar nicht so einfach, wie es sich vielleicht anhört. Haben Sie den Bewegungsablauf verinnerlicht, können Sie dann auch Ihr Pferd daran gewöhnen.

 

Das Alter eines Pferdes erkennt man an den Zähnen - Diese Aussage würde einem erfahrenen Stallmeister vergangener Zeiten nur ein müdes Lächeln ins Gesicht zaubern. Denn wirklich genau ablesen lässt sich das Pferdealter an den Zähnen nicht. Haben sich die Kunden der Zähne erst einmal abgenutzt, fällt es selbst Profis schwer, das genaue Alter abzuschätzen. Ein Anhaltspunkt kann dann eher schon die Stellung der Zähne zueinander sein: stehen die Schneidezähne des Ober- und Unterkiefers nicht mehr senkrecht aufeinander, sondern sind sie nach vorne gestellt, handelt es sich bei dem Pferd schon um ein eher „älteres Semester“. Aber wie alt genau, das verrät auch die Zahnstellung nicht. Da hilft nur der Equidenpass.

 

Die Rollkur gymnastiziert das Pferd - Auch dieser Irrtum ist sehr zum Leidwesen der Pferde immer noch weit verbreitet. Denn eine sogenannte „Rollkur“, also das Überdehnen („Hyperflexion“) der Halswirbelsäule nach unten, ist für das Pferd nicht nur sehr schmerzhaft, sondern bewirkt anatomisch genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich bringen soll. Das Pferd verkrampft sich vor lauter Schmerzen immer mehr, statt sich sinnvoll zu biegen und dabei den Rücken herzugeben. Was bei einer überdehnten Wirbelsäule anatomisch auch gar nicht möglich ist. Warum manche Reiter trotzdem an dieser unsinnigen und auch unter Fachleuten sehr umstrittenen Trainingsmethode festhalten, dafür gibt es wirklich keine vernünftige Begründung. Also weg damit.

 

Junge Pferde brauchen Ausbinder - Diese pauschale, dadurch aber nicht unbedingt richtiger werden Aussage hat ein guter Freund von mir, der bekannte Pferdetrainer Hans-Jürgen Neuhauser, einmal so kommentiert: „Wenn junge Pferde Ausbinder bräuchten, hätte der liebe Gott ihnen welche wachsen lassen“. Natürlich ist es richtig, dass es Jungpferden in bestimmten Trainingsphasen leichter fällt, in ihre Balance zu finden, wenn sie zunächst mit einem Hilfszügel eine gewisse Begrenzung bekommen. Allerdings sollte ein solches Hilfsmittel nicht aus Bequemlichkeit des Ausbilders oder Reiters zu einer Art „Dauereinrichtung“ werden. Auch hier gilt: „So viel wie unbedingt nötig, so wenig wie möglich“. Übrigens sind -anders als auf den ländlichen Turnieren hierzulande – bei unseren niederländischen Freunden Hilfszügel auf Turnieren, auch in den untersten Leistungsklassen, grundsätzlich verboten. Wer sein Pferd in der Prüfung ausbindet, fliegt raus. Ganz einfach.