Alles zurück auf Null. So könnte man das sogenannte „Re-Homing“, also das Umerziehen von ehemaligen Rennpferden zu verlässlichen Freizeitpartnern bezeichnen. Doch die Vorbereitung eines Vollbluts auf ein Leben nach der Rennbahn bedeutet sehr viel Arbeit. Und die braucht auch noch ein ganz besonderes Know-how.

Die Zukunftsaussichten für Galopper, die aus dem aktiven Rennsport ausscheiden, sind manchmal alles andere als rosig. Klar, die leistungsfähigsten Hengste und Stuten gehen natürlich in die Zucht. Doch gerade für die Wallache wird es sehr schwierig. Versuche, sie als Freizeitpferde zu vermitteln, scheitern oft kläglich. Vor allem, wenn diese Vollblüter in unerfahrene Hände geraten. Zu oft sind ihre neuen Besitzer mit ihnen überfordert und wissen eigentlich auch gar nicht wirklich, was sie sich für eine Sportskanone ins Haus holen. Oft werden diese Pferde dann unfreiwillig zum „Wanderpokal“, der von Stall zu Stall und von Besitzer zu Besitzer durchgereicht wird. Was natürlich für alle Beteiligten überhaupt nicht schön ist. Am wenigsten für die Pferde.

Viele Galopper sind noch bis ins höhere Alter aktiv im Renngeschehen. Es gibt einige Pferde, die große Freude am Rennen haben und unverletzt bis zum Alter von 10 oder 12 Jahren Rennen laufen. Die jungen Pferde scheiden oft verletzungsbedingt aus oder erfüllen schlichtweg die Leistung nicht. Diese sind dann in der Regel zwischen drei und sieben Jahre alt. Das heißt, dass sie bei guter Gesundheit die meiste Lebenszeit noch vor sich haben. Und die kann sehr lang dauern. Denn Englische Vollblüter können gut und gerne 20 Jahre und älter werden. 

Besonderes Fachwissen gefragt

Die Mitglieder des Vereins Liberty‘s Home e.V. in Weeze am unteren Niederrhein haben es sich zur Aufgabe gemacht, ehemaligen Rennpferden eine neue Perspektive als Freizeitpferd zu vermitteln. Anke Dahlhaus, die Geschäftsführerin von Liberty’s Home e.V., hat selbst lange in einem Rennstall gearbeitet und kennt daher die Tücken und Fallstricke bei der Umerziehung solcher Pferde ganz genau. Sie sagt: „Das A und O ist auf jeden Fall, dass man die Abläufe im Rennstall sehr gut kennen muss, um erst einmal zu verstehen, warum die ehemaligen Galopper sich so schwer tun im neuen Lebensabschnitt. Daran scheitern in der Regel die meisten neuen Besitzer. Es geht damit los, dass die Pferde im Rennstall in der Regel ganz früh morgens gearbeitet werden. Ein normal arbeitender Pferdebesitzer kommt natürlich meistens erst abends nach der Arbeit in den Stall. Dann haben wir das Thema Fütterung: Die Galopper auf der Bahn bekommen eine sehr große Menge Kraftfutter und eher wenig Raufutter. Das wird hinterher im Freizeitsport genau umgekehrt sein. Das muss man langsam und vorsichtig umstellen.“

Eine ganz große Aufgabe sieht Anke Dahlhaus auch in der Sozialisation eines ehemaligen Renn-Cracks. „Die meisten der trainierten Galopper im Rennstall kommen nicht auf eine Koppel oder einen Paddock. Zum einen gibt es die Flächen auf den Rennbahnen nicht, zum anderen ist vielen Besitzern das Verletzungsrisiko zu hoch. Das heißt, man muss die Ex-Galopper erst an ihre neu gewonnene Freiheit und das Aufeinandertreffen mit ihren Kollegen gewöhnen. Sie müssen Sozialkontakte erst wieder neu erlernen.“ 

Und damit ist die Liste der anstehen Umerziehungsaufgaben noch lange nicht abgearbeitet. Dahlhaus weiter: „Dann ist da noch dieser Mammutbereich „Reiten“. Das fängt schon beim Aufsteigen an. Im Rennstall werden die Jockeys oder Arbeitsreiter aufs Pferd gehoben. Wir gewöhnen die Pferde dann ans Stehenbleiben an der Aufstiegshilfe. Die Rennpferde werden mit so genannten Arbeitsstätten trainiert, die mit einem Englisch- oder Westernsattel nicht viel gemeinsam haben. Sie sind klein und leicht. In der Regel stehen die Reiter in den Bügeln. Die Rennpferde sind also ein normales Reitergewicht mit entsprechendem Sattel gar nicht gewohnt. Die Rückenmuskulatur ist dadurch auch nicht so ausgeprägt, weshalb die Pferde anfangs ihrem Reiter regelrecht unterm Sattel weglaufen. Und das natürlich in entsprechendem Tempo. Sie kennen keine klassischen Schenkel- und Gewichtshilfen, werden nicht über den Rücken auf gebogenen Linien geritten, werden in der Regel nicht longiert. Je länger ein Vollblüter im Rennstall verbleibt, umso länger dauert es natürlich auch, ihm die erlernten Angewohnheiten abzugewöhnen“, so die erfahrene Pferdeexpertin.  

 

Expertenwissen und viel Herzblut

Warum Anke Dahlhaus und ihr Team sich so sehr für Ex-Galopper einsetzen, erklärt die Pferdeexpertin, die bereits seit 40 Jahren im Sattel sitzt, folgendermaßen: „Ich habe selbst im Rennstall gearbeitet und auch vor Gründung von Liberty's Home e.V. zwei ehemalige Galopper für mich persönlich zum Freizeitpferd umgeschult und auch Pferde vermittelt und den neuen Besitzern mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Dabei fiel mir immer wieder auf, dass die meisten Probleme entstehen, weil die Neubesitzer die Abläufe im Rennstall nicht kennen. Nun kann man nicht alle Interessenten in die Rennställe holen. Deshalb habe ich Liberty's Home gegründet. Wenn man die Pferde nämlich vorm Verkauf professionell auf ihr neues Leben vorbereitet, haben die neuen Besitzer es wesentlich leichter, und kommen auch mit ihren Vollblütern zurecht. Dabei werde ich mit viel Herzblut von einem tollen Team unterstützt, das ebenfalls von dem Projekt überzeugt ist und die Notwendigkeit dieser wichtigen Arbeit klar erkannt hat.“

Sogenannte „Re-Homing“- Anlagen wie der Hof von „Liberty‘ Home“ sind in Ländern wie England und Frankreich längst etabliert, und werden von den entsprechenden Dachverbänden auch gefördert und finanziell unterstützt. „Das ist hier in Deutschland leider nicht der Fall. Wir kämpfen hier mittlerweile im 4. Jahr darum, dass wir diesen Standard auch endlich in Deutschland haben.“ beklagt Dahlhaus die mangelnde Unterstützung durch die entsprechenden Dachverbände hierzulande.

 

Besonderer Charakter
Ein weiterer Grund für das große Engagement der Niederrheiner für „ihre“ Galopper findet sich im Charakter des Englischen Vollbluts. Anke Dahlhaus ist sich sicher: „Für mich persönlich ist es die vielseitigste Rasse, die ich kenne. Englische Vollblüter sind in allen Sparten der Reiterei einsetzbar. Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Western, Polo, sogar Fahren... das alles ist für diese Pferde kein Problem. Sie machen alles mit, sind sehr intelligent und lernen wahnsinnig schnell. Sie sind sehr sportlich und neben ihrer Schönheit auf besondere Härte gezüchtet. Im Gegensatz zur allgemeinen Meinung sind sie daher ganz und gar nicht krankheitsanfällig. Außerdem sind sie für ihre Anhänglichkeit bekannt. Dadurch, dass sie im Rennstall über Jahre von vielen verschiedenen Menschen gepflegt und geritten werden, sind sie unglaublich dankbar, wenn sie "ihren" Menschen gefunden haben. Mit ihm gehen sie dann durch Dick und Dünn!“ 

Dahlhaus und ihr Team bilden ihre Pferde im herkömmlichen Sinne in keiner bestimmten Reitweise aus. Mit ihrer Arbeit sorgen sie in erster Linie dafür, dass die ehemaligen Galopper auf die verschiedenen Reitweisen entsprechend gut vorbereitet sind und sich mit der Umstellung auf ein neues Leben leichter tun. Diese Art der Ausbildung beschreibt Anke Dahlhaus so: „Viele sagen immer, dass man mit einem Ex-Galopper bei Null anfängt. Das stimmt so nicht, denn sie kennen ja schon sehr viel, was man ihnen allerdings abgewöhnen muss. Ich sage immer, man fängt bei minus 10 an. Liberty's Home erarbeitet minus 10 bis null, und der Neubesitzer fängt dann mit seinem Pferd bei Null an. Aber er kann dann eben auch direkt mit allem starten, so wie er es gewohnt ist, und muss nicht erst Rücksicht auf das Vorleben des Pferdes nehmen.“

 

Keine Anfängerpferde
Wer sich für ein Zusammenleben mit einem Ex-Galopper interessiert, sollte sich bei aller Vorarbeit durch die Fachleute von „Liberty’s Home“ trotzdem darüber im Klaren sein, dass er es hierbei nicht mit einem verkuschelten Schmusetier zu tun bekommt. Das Englische Vollblut ist in allen Grundgangarten gerne flotter unterwegs als andere Rassen. Der neue Besitzer oder die neue Besitzerin sollte deshalb schon sehr gut reiten können, weil bei der Ausbildung ihres Reittieres noch eine ganze Menge Arbeit ansteht, die zudem viel Fachwissen braucht. So ist für Pferde von der Rennbahn sehr viel Gymnastizierung notwendig, um ihre Rückenmuskulatur aufzubauen und ihre Hinterhand zu aktivieren. Zudem muss oft sehr lange an der Balance der Pferde gearbeitet werden, die ihnen auch nach vielen Jahren als Rennpferd einfach fehlt. Und dass das alles ein Prozess ist, der nicht von heute auf morgen funktioniert, versteht sich dabei natürlich von selbst. 

Wer sich allerdings auf diese Mammutaufgabe einlässt, bekommt dann auch ein sehr leistungsorientiertes Pferd, das gerne und schnell lernt. Anke Dahlhaus: „Erfolge stellen sich sehr schnell ein, über die man sich freuen kann. Für einen guten Reiter ist es ja eigentlich auch das, was man gerne möchte. Es gibt doch nichts Schöneres, als mit dem eigenen Pferd neue, spannende Dinge zu erarbeiten.“ Allerdings gibt sie zu bedenken, dass ein Ex-Galopper für einen Reiter, der nur sonntags mal eine gemütliche Runde durch die Natur drehen möchte, überhaupt keine gute Idee ist. Denn damit ist ein ehemaliges Rennpferd absolut nicht ausgelastet. Englische Vollblüter brauchen nun mal sehr viel Abwechslung und Bewegung, und die muss man ihnen auch bieten können. „Dann hat man das tollste Pferd an seiner Seite, was man sich vorstellen kann“ schwärmt Anke Dahlhaus für „ihre“ Galopper.