Vor der Erfindung des Automobils waren Pferde aus dem Alltag nicht wegzudenken. Das hatte auch Folgen für den Sprachgebrauch der damaligen Zeit. Und selbst in unserer hochtechnisierten Gegenwart finden sich immer noch Redewendungen, die einen ganz unmittelbaren Bezug zu unseren geliebten Vierbeinern haben. Hier stellen wir Ihnen eine Auswahl der besten Sinnsprüche rund ums Pferd vor. Und was dahinter steckt.

Wenn davon die Rede ist, einem „geschenkten Gaul“ nicht ins Maul zu schauen oder jemanden vom „hohen Ross“ herunterzuholen, wissen auch Nicht-Pferdeleute, was damit gemeint ist. Doch es gibt auch Redewendungen, die Pferde zum Gegenstand haben, bei denen sich nicht auf den ersten Blick erschließt, was damit ursprünglich einmal gemeint war.

 

„Ross und Reiter beim Namen nennen“

Um sich bei einer unklaren Angelegenheit einen Überblick zu verschaffen, ist es nötig, alle Aspekte der Sachlage zu kennen. Diese Redewendung hat ihre Wurzeln in den Ritterturnieren des Mittelalters. Standen sich beim „Tjost“, bei dem zwei Ritter in schwerer Rüstung und mit langen Lanzen bewaffnet aufeinander zu galoppierten, zwei Kontrahenten gegenüber, so war es üblich - und wegen der umfangreichen Rüstungen von Mensch und Tier auch dringend nötig - diese vor dem Wettkampf namentlich vorzustellen. Sonst hätten die Zuschauer ja gar nicht gewusst, wen sie da eigentlich anfeuern, und welcher Unglücksrabe, von der Lanze des Gegners aus dem Sattel gehebelt, da im Staub vor ihnen liegt. Diese Gepflogenheit, „Ross und Reiter beim Namen zu nennen“, hat sich bis in die Gegenwart unserer Turniere gehalten. Auch wenn heute natürlich kein Reiter und kein Pferd mehr eine zentnerschwere Rüstung tragen muss…

 

„Aus dem Stegreif“

Wer etwas spontan entscheidet, handelt dabei meist „aus dem Stegreif“ heraus, ohne lange nachzudenken. Auch diese Redewendung hat ihren Ursprung im Mittelalter. Damals bezeichnete man nämlich den Steigbügel als „Stegreif“. Wer etwas „aus dem Stegreif“ entschied, saß dabei im Sattel seines Pferdes und steckte mit den Füßen in den Steigbügeln. War der Reiter bei seiner Entscheidung also noch mit dem Handling seines Reittieres und dem Absitzen beschäftigt, konnte er sich in diesem Moment möglicherweise gar keinen umfassenden Überblick über die Lage verschaffen, über die er entscheiden sollte.

 

„Ein Pferd wird nicht nach seinem Sattel beurteilt“

A propos Sattel: auch dieser kommt selbst im heutigen Sprachgebrauch nicht ungeschoren davon. Der aus Belgien stammende Rat, ein Pferd nicht nach seinem Sattel zu beurteilen, ist so ein Beweis dafür, wie tief sich Pferde und das Reiten in unseren heutigen Sprachgebrauch sozusagen „eingebrannt“ haben. Gemeint ist damit natürlich, eine Sache oder einen Gegenstand nicht ausschließlich nach dem äußeren Erscheinungsbild zu bewerten. Obwohl – es soll ja auch Reiter geben, die sich erst einen schicken Sattel zulegen, und damit dann auf die Suche nach dem passenden Pferd gehen. Kein Scherz!

 

„Auf ein neues Pferd einen alten Reiter“

Dieser ursprünglich aus Portugal stammende Satz zielt, anders als die bisherigen Beispiele, schon sehr auf das Know-how des Umgangs mit Pferden ab. Im heutigen Sprachgebrauch ist damit gemeint, etwas Neues oder eine schwierige Angelegenheit am besten zuerst von einem Profi begutachten zu lassen. Aber Reiter wissen dabei natürlich sofort, dass sich dieser Ausdruck eigentlich auf das Einreiten junger Pferde bezieht. Denn ohne eine gehörige Portion Pferdeerfahrung und -wissen können beim Gewöhnen eines jungen Pferdes an seine zukünftigen Aufgaben von Unerfahrenen sehr viele Fehler gemacht werden, die sich später nur sehr schwer, manchmal sogar gar nicht mehr korrigieren lasse - Stichwort „verrittenes Pferd“.

 

„Auf alten Pferden lernt man reiten“

Mit dem Reiten und den Pferden ist das ja grundsätzlich immer so eine Sache. Denn damit im Sattel für Reiter und Pferd etwas Gescheites herumkommen kann, müssen beide erst einmal überhaupt zusammenpassen. Ein Reitanfänger wird auf einem optimal trainierten Spring- oder Dressurcrack ebensowenig Erfahrung im Umgang mit Pferden sammeln können wie ein Fahranfänger in einem Auto mit Automatikgetriebe und Einparkhilfe. Alte, geduldige und erfahrene (Schul-) Pferde sind die besten Lehrmeister für Unerfahrene. Denn sie sind einerseits sicher und ausgeglichen genug, auch mal einen Hilfengebungs- oder Sitzfehler durchgehen zu lassen. Andererseits sind sie auch sozusagen „mit allen Wassern gewaschen“ und wahre Meister darin, auch mal ihren eigenen Dickschädel durchzusetzen. Was den Reiter dann bisweilen ebenfalls sehr alt aussehen lassen kann.

 

„Immer langsam mit den jungen Pferden“

Dieses alte Wahrwort besagt, dass alles im Leben seine Zeit braucht. Und das gilt natürlich erst recht in der Ausbildung von Jungpferden. Damit sie sich zu zuverlässigen Sport- und Freizeitpartnern entwickeln können, gibt es für jedes Element der Skala der Ausbildung, also Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichten und Versammlung, in der klassischen Ausbildung nicht umsonst einen sehr genauen Zeitplan, ab wann mit welchem Ausbildungselement zu beginnen und zu arbeiten ist. Oder anders gesagt: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ (Sprichwort aus Afrika).

 

„Die goldene Regel im Umgang mit Rössern ist, sich ihnen nie im Ärger zu nähern“

Dieser Satz, den schon der antike Reitmeister Xenophon geprägt hat, ist im allgemeinen Sprachgebrauch vielleicht nicht ganz so bekannt. Für echtes „Horsemanship“ dafür umso wichtiger. Denn als sehr wachsame, vorsichtige und intelligente Tiere sind Pferde sehr gut in der Lage, die Stimmung „ihres“ Menschen ab- und einzuschätzen. Um dann natürlich entsprechend darauf zu reagieren. Zudem ist Zorn ein sehr schlechter Berater, wenn es um den fairen Umgang mit Pferden geht. Haben Sie also Brass auf irgendetwas oder irgendjemanden, dann warten Sie mit dem Besuch bei Ihrem Pferd besser ab, bis der Zorn verraucht ist. Übrigens – was der alte Xenophon vor über 2000 Jahren schon so treffend für Pferde formuliert hat, lässt sich auch problemlos auf das heutige menschliche Miteinander übertragen. Versuchen Sie’s mal – es funktioniert!