Wer auf einem Turnier mit einem „älteren Semester“ im Parcours oder im Viereck antritt, muss sich von Mitreitern häufig den tadelnd-besorgten Satz anhören: „Musst Du dein armes altes Pferd denn immer noch Turniere gehen lassen?“ Ein beherztes „Ja“ kann viele gute Gründe haben.

Ob ein Pferd zu alt für den Turniersport ist, hat überhaupt nichts damit zu tun, welches Geburtsjahr in seinem Equidenpass steht. Viele Beispiele aus dem großen Sport zeigen, dass oft so mancher „Oldie“ den jungen Pferden vormacht, wie man ein Springen oder eine Dressur gewinnt.

Da ist zum Beispiel Satchmo, der unter Isabell Werth ganz erfolgreich im internationalen Sport gegangen ist, und erst mit stolzen 17 aus dem Weltklassesport verabschiedet wurde. Die unvergessene Ratina Z, ehemals das Erfolgspferd unter Ludger Beerbaum im Springparcours, wurde sogar erst mit 18 auf die Seniorenkoppel geschickt. Und auch das Pferd von Ludgers Schwägerin Meredith Michaels-Beerbaum wurde erst mit 18 in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Die Spring-Legende Milton unter John Whitaker zeigte den Jungspunden unter seinen Artgenossen im hohen Sport ebenfalls sogar noch mit 17 Jahren, wo im Springsport „der Hammer hängt“. Noch ein Beispiel gefällig? Das Pferd unter Gilbert Tillmann mit Namen Hello Max hat 2013 im Alter von 19 Jahren das Hamburger Derby für sich entschieden. Man bedenke: dieses Derby gilt als das härteste Springderby der Welt!

 

Alt ist nicht gleich alt

Ganz klar, DAS EINE Alter, ab wann für Pferde Schluss mit Turnieren ist, gibt es nicht. Dafür spielen einfach zu viele Faktoren eine Rolle, die Einfluss darauf haben, ab wann ein Pferd im Wettkampf irgendwann im wahrsten Sinn des Wortes wirklich „alt aussieht“.

Da ist zunächst einmal die Tatsache, dass bestimmte Pferderassen einfach „langlebiger“ sind als andere. So finden sich unter den Kleinpferde- und Ponyrassen etwa bei den Arabern und Isländern bisweilen echte „Methusalems“, die bis ins hohe Alter unter dem Sattel im Parcours oder im Viereck einfach einen tollen Job machen. Unter den Warmblutpferden gelten die Trakehner als ausgesprochen zähe Pferde, die sich auch mit einer zweistelligen Zahl an Lebensjahren im Sport ganz hervorragend bewähren.

Neben der Rassezugehörigkeit spielen natürlich auch die Vererbung und die individuelle genetische Veranlagung eine große Rolle, ab wann ein Pferd als „alt“ anzusehen ist. So kann es bei Rassen, denen grundsätzlich eine langlebige Leistungsbereitschaft zugeschrieben wird, immer auch Individuen geben, die früher „auf sind“ als ihre Artgenossen.

Ein weiterer Faktor, der darüber bestimmt, wie lange ein Pferd wettkampfmäßig eingesetzt werden kann, ist die Jahre hindurch die Intensität seiner Nutzung während der Turniersaison. Pferde, die in der „grünen Saison“ nahezu jedes Wochenende unter dem Sattel an den Start gehen müssen, sind im Herbst zum Saisonende einfach am Ende ihrer Kräfte. Und dieser „Turnier-Burnout“ zehrt natürlich ganz allgemein an der Konstitution und Leistungsbereitschaft selbst des erfahrensten Sportpferdes! Wer es hier übertreibt, für dessen Pferd ist einfach früher Schluss mit lustig.

 

Erfahrung kann man nicht züchten

Setzt man das Alter eines Turnierpferdes gleich mit dem Grad an Erfahrung, dann sind die „Oldies“ im Turniersport manchmal zwar vielleicht nicht mehr die absoluten Champions ihrer Klasse. Aber dafür die besten Lehrmeister für junge, noch unerfahrene Reiter. Schon so mancher gereifte vierbeinige „Schleifensammler“ hat seine Reiterin oder seinen Reiter bei der Platzierung ganz weit nach vorne gebracht. Auf vielen Turnieren landauf, landab zeigt sich immer wieder, dass ein junger, ambitionierter Reiter auf einem altgedienten „Turniercrack“ so manchem „alten Herren“ unter der Konkurrenz ganz ordentlich die Show stehlen kann. Hierbei spielt dann die Rassezugehörigkeit oder die Genetik des Pferdes keine Rolle, sondern allein die Erfahrung des Individuums. Und die kann man bei allen Fortschritten der Pferdezucht eben nicht anzüchten. Was vielleicht auch ganz gut so ist.

 

Auf das Individuum kommt es an

Ob ein Pferd jenseits einer wie auch immer willkürlich festgelegten bzw. empfundenen Jahresobergrenze auf einem Turnier starten kann, richtet sich immer nach dem betreffenden Individuum. Wird ein erfahrener, körperlich noch immer fitter „Turniercrack“ zu früh aus dem Wettkampfgeschehen herausgenommen, kann das für das betreffende Pferd genauso nachteilig sein wie die zu lange Nutzung eines über lange Jahre auf Wettkämpfen beanspruchten Pferdes, das auch im Alter immer noch und beständig jenseits seiner Leistungsgrenze arbeiten und funktionieren muss.

Allein das Geburtsdatum im Equidenpass hilft da als Beurteilungskriterium, wie wir sehen, kaum weiter. Bevor Sie also bei der nächsten Wettkampfveranstaltung eine Reiterin oder einen Reiter auf das Alter ihres oder seines Pferdes ansprechen, sollten Sie sich der Tatsache bewusst sein, dass dessen Nennung vielleicht für beide, Pferd und Reiter, sehr gute Gründe hat.