Pferde haben Menschen schon immer fasziniert. Kein Wunder also, dass diese Vierbeiner auch in der menschlichen Mythologie seit jeher eine große Rolle spielen. Und nicht nur dort. 

Beginnen wir mit dem wohl bekanntesten mythischen Pferdewesen, nämlich -natürlich- dem Einhorn. Dass es sich in der Mythologie Europas derart festgesetzt hat, liegt wohl in erster Linie an dessen Erwähnung in der Bibel, und zwar in deren alttestamentarischem Teil. Kurioserweise handelte es sich bei diesem Tier zunächst aber gar nicht um das mystische, edle Pferd mit dem markanten Horn auf der Stirn. Die Bezeichnung „Einhorn“ beruht nämlich auf einem Übersetzungsfehler aus der Zeit, als große Teile der Bibel im dritten vorchristlichen Jahrhundert aus dem Hebräischen ins Griechische übertragen wurden. Dabei stießen die antiken Übersetzer in mehreren Textstellen des Alten Testaments auf ein seltsames Tier mit der nicht weniger seltsamen Bezeichnung „Re'em“. Doch dieses Wort war den Gelehrten damals nicht geläufig. In ihrer Not übersetzten sie „Re'em“ dann einfach mit dem griechischen Wort „Monokeros“, zu Deutsch eben „Einhorn“.

Allerdings hatte dieses Ur-Einhorn noch nicht das Aussehen des eleganten, sanftmütigen Wesens wie wir es uns heute vorstellen. Das ursprüngliche Einhorn war kräftig und wild, und hatte von Zauberkräften noch keine Ahnung. Mit gutem Grund, wie wir heute wissen. Denn bei dem ursprünglichen Bibel-„Einhorn“ handelte es sich tatsächlich um einen Auerochsen, also der wilden Vorform unserer zahmen Hausrinder. Historiker vermuten, dass einer der damaligen Bibelübersetzer möglicherweise schon mal eine Zeichnung von einem „Re'em“ gesehen hatte. Und weil Tiere damals der Mode der Zeit entsprechend immer nur von der Seite gemalt wurden, verschwindet in dieser Bildperspektive das zweite Horn des Auerochsen hinter dem Horn im Vordergrund. Was der Popularität des Einhorns aber keinen Abbruch tat – im Gegenteil. Denn weil es ja schon in der Bibel „erwähnt“ wurde, festigte sich der Glaube an dieses Fabelwesen über die nachfolgenden Jahrhunderte. Genährt wurde der Mythos auch durch Berichte von Reisenden ferner Länder, die nach ihrer Rückkehr behaupteten, ein lebendiges Einhorn gesehen zu haben. Dazu zählt auch der berühmte Reisende Marco Polo. Allerdings ist anzunehmen, dass sein „Einhorn“ wohl eher ein ganz normales Nashorn war.

Im Mittelalter verdichtete sich dann das Bild vom Einhorn als Pferdewesen mit Horn als Symbol für Edelmut und Güte, das meist in einem (Zauber-) Wald oder in einem verwunschenen Garten lebt.

 

Vom Gangpferd zum Fabelwesen

Ein weiteres mystisches, sagenumwobenes Fabelpferd ist das Reittier des germanischen Gottes Odin. „Sleipnir“, so dessen Name, war nicht nur ausgesprochen stark und schnell, sondern besaß zudem acht Beine. Wir müssen uns diesen „Sleipnir“ in etwa als großes Islandpferd vorstellen. Ganz einfach aus dem Grund, weil zur Zeit der Entstehung dieses Mythos‘ so ziemlich alle Pferde Mittel- und Nordeuropas sehr große Ähnlichkeit den heutigen Isis hatten. Übrigens auch, was die Größe betrifft.

Anders als das Einhorn hat Sleipnir sogar eine ganz „reale“ Spur seiner Existenz hinterlassen: einer Isländischen Sage nach hat die Ásbyrgi-Schlucht auf Island deshalb die Form eines Hufeisens, weil Sleipnir bei einem Ausritt Odins durch die Arktis ausgerutscht war, und einen seiner acht Hufe auf die nordisländische Landfläche setzen musste, um nicht zu stolpern.

Warum die Menschen der damaligen Zeit dem Pferd acht statt vier Beine andichteten, ist nicht genau bekannt. Die Vermutung liegt aber nahe, dass die rasend schnelle, rassetypische Gangart des Tölt beim Betrachter den Eindruck erweckt, das Pferd habe acht statt vier Beine. Der Tölt ist genau wie der Schritt ein Viertakt, nur eben sehr, sehr viel schneller. Und wie sich die Beinabfolge eines rasend schnellen Schritts darstellt, ist der Gedanke an acht Beine gar nicht mal so abwegig.

 

Mystische Pferde im Land des Drachen

Auch in der Vorstellung der Menschen im Alten China gab es mystische Pferde. Sie galten als Geschöpfe des Himmels und waren nach dem Drachen sogar das zweitheiligste Tier aller Himmelswesen. Eine Sage aus der Zeit des Kaisers Wu Di (157 – 87 v. Chr.) berichtet darüber hinaus von „Blut schwitzenden Pferden“ im Nordwesten der schier endlosen Weiten der innerasiatischen Ebenen. Diese Pferde seien die stärksten, ausdauerndsten und schnellsten Pferde der Welt, und könnten eine Strecke von 1.000 Meilen an einem Tag zurücklegen. Als der Kaiser durch einen seiner Beamten, dem Entdecker und Gelehrten Zhang Qian (? – 114 v.Chr.) von diesem Mythos Wind bekam, witterte er eine gute Chance, seine Armee mit solchen Superpferden auszustatten. Also beschloss er -ganz nach Herrscherart-, sich diese Gegenden militärisch einzuverleiben. Tatsächlich gelangte er auf seinen Beutezügen auch an einige sehr kräftige, schnelle, wendige und ausdauernde Pferde. Ob sie aber wirklich 1000 Meilen am Tag zurücklegen konnten, darüber schweigen die alten Schriftquellen beharrlich. Wahrscheinlich auch zurecht.

 

Eine Stadt für ein Pferd

Nicht unbedingt nur als Fabelwesen, bringen Pferde ihre Besitzer dazu, die merkwürdigsten Dinge zu tun. So hatte eine der wohl prominentesten Figuren der Antike, der Feldherr Alexander der Große, natürlich auch ein außergewöhnliches Pferd. Diesem gab er merkwürdigerweise den wenig schmeichelhaften Namen „Bukephalos“, zu Deutsch „Ochsenkopf“. Der Hengst galt als unreitbar, und brachte selbst den versiertesten Trainer zur Verzweiflung. Alexander aber bemerkte, dass das Tier ganz einfach Angst vor seinem eigenen Schatten hatte. Um ihn zu reiten, drehte er den Hengst also derart, dass der Schatten aus seinem Blickfeld verschwand. Dann rasch aufgesessen und los ging‘s. Mehr als 30 Jahre lang diente Bukephalos seinem Reiter in zahllosen Schlachten. Doch auf den treuen Hengst wartete ein trauriges Ende: Bei der Schlacht am Hyaspes, Alexanders letztem Kampf, soll Bukephalos in einem Fluss ertrunken sein. Seinem Pferd zu Ehren gründete Alexander daraufhin die Stadt Alexandreia Bukephalos, das heutige Jhemal in Pakistan. In einem eigens von Alexander für sein Pferd erbauten prunkvollen Mausoleum fand Bukephalos dann seine letzte Ruhestätte.

 

Ein Pferd in der hohen Politik

Wie weit die Liebe zu einem „sagenhaften“ Pferd gehen kann, zeigt auch das Beispiel des römischen Kaisers Caligula. Dieser liebte Wagenrennen über alles, und begeisterte sich dabei ganz besonders für „Incitatus“, ein erfolgreiches Rennpferd. Die Begeisterung für diesen Incitatus trieb Caligula sogar dazu, dem Pferd einen eigenen Palast erbauen zu lassen. Mit Marmortränken, Sklaven und allem drumherum, dazu ein Sattel aus kostbarstem Purpur und Zaumzeug aus Elfenbein. Stand Incitatus ein Rennen bevor, wurden die Straßen um den Pferdepalast am Vortag des Rennens gesperrt, damit der Hengst seine Ruhe hatte und entspannt und ausgeruht an den Start gehen konnte. Kaiser Caligula setzte sogar noch eins drauf: er wollte durchsetzen, dass seinem Pferd die Würde eines Konsuls zuteil werde, natürlich verbunden mit einem ständigen Sitz im römischen Senat. Was die übrigen Herren Konsuln sicher nicht begeistert haben dürfte. Da sich Caligula aber bereits vor seiner Idee eines Pferdes als Senator mit anderen Projekten und Absichten schon viele Feinde gemacht hatte, wurde er -noch vor der Ernennung seines Incitatus zum Konsul- sehr unschön und dauerhaft aus dem Weg geschafft. Somit blieb Incitatus der Weg in die hohe Politik verwehrt. Was ihn allerdings wahrscheinlich auch nicht sonderlich enttäuscht haben wird.