Dass die weltbekannten Lipizzaner der Spanischen Hofreitschule zu Wien die klassische Reitkunst in Perfektion beherrschen, kommt nicht von ungefähr. Denn die Fohlenzeit verbringen sie in einem wahren Pferdeparadies.

Die Wiege der Lipizzaner, der ältesten Kulturpferderasse Europas, steht sprichwörtlich in der österreichischen Weststeiermark. Denn im Lipizzanergestüt Piber im Dörfchen gleichen Namens werden seit 1798 jene Pferde gezüchtet, die heute als der Inbegriff der klassischen Reitkunst gelten.

In den Stallungen des Schlosses Piber, ehemals ein Kloster des Stifts St. Lambrecht, dreht sich alles um die wertvollen Mutterstuten, die den Nachwuchs dieser Pferderasse sichern. Jedes Jahr kommen hier etwa 40 Fohlen zur Welt. Anders als vielleicht zu erwarten, werden sie nicht mit einem weißen Fell geboren, sondern haben zunächst ein schwarzes, graues oder braunes Fohlenfell. Erst spät, nämlich mit etwa vier bis zehn Jahren, wechseln sie ihre Fellfarbe, und werden zu den strahlend weißen Pferden, für die die Rasse der Lipizzaner so bekannt und beliebt ist.

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Ab in die Berge

Die Zuchttradition der Lipizzaner auf Schloss Piber schreibt vor, dass die Fohlen die ersten sechs Monate bei ihrer Mama verbringen. Dann wechseln sie je nach Geschlecht in eine Stuten- oder eine Hengstherde, in der sie weiter heranwachsen und dabei auf ganz artgerechte Weise lernen, sich mit ihren Artgenossen zu arrangieren und ganz einfach „Pferd“ zu sein.

Die Sommermonate verbringen die ein- bis dreijährigen Jungpferde auf den gestütseigenen Almen in etwa 1.500 Metern Seehöhe. Die Hengste auf der Stubalm, die Stuten auf der Prentlalm. Diese Art der Haltung, die sogenannte „Alpung“, ist für die Entwicklung der edlen Youngster immens wichtig. Densn inmitten der steilen und teils sehr steinigen Hangweiden üben sie nicht nur ihre Koordination, Balance und Trittsicherheit, sondern bekommen auch Ausdauer, Abhärtung und Muskelkraft. Alles Eigenschaften, die die Grundlage für die Lektionen der Hohen Schule sind.

Mit etwa drei Jahren, wenn für die Stuten und Hengste die Leistungsprüfungen beginnen, werden sie aus der Bergwelt der Steiermark wieder eingesammelt, und kommen zur Ausbildung entweder in die Hofreitschule nach Wien oder -seit 2005- in das Trainingszentrum Heldenberg im niederösterreichischen Weinviertel. Dort werden sie ganz behutsam zunächst an die neue Umgebung und später an so unbekannte Dinge wie die Longe, den Sattel und das Kutschengeschirr gewöhnt. Das großzügige Gelände des Heldenberg mit seinen weitläufigen Koppeln, Paddocks und einem sehr reizvollen Ausreitgelände ist übrigens auch das Sommerquartier für die Hengste, die in der Wiener Hofreitschule unter dem Sattel gehen. Hier können sie sich zwei bis drei Mal im Jahr für jeweils sechs Wochen vom Arbeitsalltag erholen und neue Kräfte sammeln.

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Von der Weide zur Hohen Schule

Mit etwa vier Jahren beginnt dann für die Hengste endgültig der „Ernst des Lebens“ unter dem Sattel. Dabei unterscheidet sich ihre Ausbildung zunächst nicht von der anderer Pferde. Nach den Grundsätzen der klassischen Reitkunst geht es auch hier letztendlich darum, die Tiere unter dem Sattel zu Gehorsamkeit, Durchlässigkeit, Gelassenheit und Geschmeidigkeit in der Bewegung zu erziehen.

Bei der Ausbildung ihrer Pferde lassen sich die Wiener und die Heldenberger Rittmeister viel Zeit. Nach dem „Lehrplan“ der Österreicher ist ein Hengst erst mit sechs Jahren so weit ausgebildet, dass er in der Schulquadrille gehen kann.

Für die Lektionen und Anforderungen der Hohen Schule sind Lipizzaner deshalb so geeignet, weil sie aufgrund ihrer „Kinderstube“ bei Mama und in den Herden auf den Bergweiden nicht nur genügsam und kräftig, sondern auch überaus lernbereit sind, und ein sehr gutes Gedächtnis haben. Auch bei Pferden zeigt sich also immer wieder: Mama ist doch die Beste!