Warum das Gelassenheitstraining für Pferde und Reiter so wichtig ist.

Jeder Reiter wünscht sich ein sicheres, ausgeglichenes Pferd. Nicht nur, weil Reiten einfach entspannter ist und mehr Spaß macht, wenn man im Sattel nicht jedes Mal um das eigene Leben und seine Gesundheit bangen muss. Sondern vor allem, weil ein jederzeit verlässlicher Gehorsam des Pferdes die wichtigste Voraussetzung für ein sicheres Miteinander von Pferd und Reiter und auch den Mitmenschen gegenüber ist.

 

Kein Dominanztraining

Pferde sind und bleiben immer Fluchttiere. Und Fluchtinstinkte kann selbst das konzentrierteste Training nicht irgendwie „wegmachen“. Soll es auch gar nicht. Denn nur ein artgerecht gehaltenes und ausgebildetes Pferd wird echtes Vertrauen zu „seinem“ Mensch entwickeln können. Deshalb zielt das sogenannte „Gelassenheitstraining“ in erster Linie darauf ab, dem Pferd innere Ruhe und Nervenstärke zu vermitteln, die ihm die nötige Sicherheit geben, in ungewohnten Situationen nicht sofort „den Kopf zu verlieren“, sondern ruhig und gelassen auf seinen Reiter zu hören.

 

Auf den Reiter kommt es an

Der herannahende Traktor, ein plötzlich aufklappender Regenschirm beim Vorbeireiten an Passanten, eine im Wind flatternde Plane – die wichtigste Voraussetzung auch für ein Pferd, das bereits ein Gelassenheitstraining absolviert hat, ist, dass der Reiter in einer kniffligen Situation selbst stets Entspannt bleibt. Was zugegebenermaßen nicht immer ganz einfach ist. Denn ein herandonnernder Traktor, zumal die gigantischen „Geschosse“ moderner Großbetriebe, kann auch auf Menschen manchmal recht bedrohlich wirken. Erst recht, wenn es aufgrund der Geländesituation keine großzügige Ausweichmöglichkeit gibt. In solch einem Fall hilft nur die Vernunft des Menschen weiter: Als Reiter WEISS Ich ja, dass es der Landwirt da oben in der Fahrerkabine nicht auf mich und mein Pferd abgesehen hat. Auch wenn der Motor noch so laut brummt und dröhnt (was anderes wäre es vielleicht, wenn ich mit ebendiesem Landwirt dummerweise gerade Streit habe. Aber das weiß dann mein Pferd ja zum Glück nicht). Dieses Wissen um die im Kern ja doch eigentlich harmlose Situation gibt dem Reiter die Möglichkeit, seinem Pferd beim Herannahen des Traktors die nötige Sicherheit und Gelassenheit zu vermitteln. Gleiches gilt natürlich auch für die Eingangs bereits erwähnten Regenschirme und Planen. Auch sie sind ja eigentlich Gegenstände völlig ohne „Gefahrenpotenzial“ für das Pferd.

Dazu eine kurze Anmerkung: Im Gegensatz zu den oben genannten Dingen bin ich mir bei so manchem Zeitgenossen hinter dem Steuer eines PKW gar nicht so sicher, ob auch das Auto wirklich so harmlos ist, wie es uns Reitern gegenüber eigentlich immer sein sollte: dicht auffahrende PKW’s, knappes Einscheren, laute, wummernde Subwoofer-Musik bei offenem Fenster beim Vorbeifahren an einem Pferd- offenbar ist vielen Autofahrern nicht (mehr?) bewusst, dass sich Pferde auch mal erschrecken können. Zeigen der Pferdepopo und die Hinterbeine des Pferdes dann plötzlich in Richtung des „heilix‘ Blechle“, bin ich mir nicht wirklich sicher, ob der Fahrer dann noch adäquat reagieren kann. Da ja der Reitsport längst keine elitäre Angelegenheit einiger weniger wohlbetuchter Glückspilze mehr ist, sondern immer mehr Anhänger und Freunde findet, wäre es vielleicht mal eine Überlegung wert, das Thema „Pferde im Straßenverkehr“ als eine Unterrichtseinheit in den Ausbildungsplan der Führerscheinprüfung zu integrieren.

 

Spiel mit ernstem Hintergrund

Da jedes Pferd ja irgendwann einmal in die Situation kommt (oder zumindest kommen sollte), den eigenen Stall, die gewohnte Koppel oder Reithalle auch mal verlassen zu können, ist das Gelassenheitstraining quasi ein absolutes Muss für jedes Pferd. Und jeden Pferdebesitzer. Ganz gleich, ob Spring- oder Dressurcrack, Wanderreiter (für die gilt das ja sowieso), Westernreiter, Fahrer oder Züchter.

Die beste Methode, Pferde an ungewöhnliche Situationen heranzuführen, ist das Üben in einer gewohnten, vom Pferd als „sicher“ eingeschätzten Umgebung. Hierbei ist vor allem die Kreativität des Pferdehalters gefragt. Ganz wichtig: führen Sie Ihr Pferd vorsichtig und spielerisch an Ungewohntes heran. Beginnen Sie beispielsweise mit einem ungewohnten Gegenstand wie, sagen wir, einem Regenschirm. Lassen Sie Ihr Satteltier diesen Gegenstand gründlich beschnuppern, und berühren Sie das Pferd anschließend vorsichtig damit am ganzen Körper. Das zeigt ihm, dass ihm durch diesen Alltaggegenstand keine Gefahr droht. Hat es begriffen, dass es vor „dem Ding“ keine Angst zu haben braucht, beginnen Sie vorsichtig damit, den Regenschirm langsam zu öffnen und wieder zu schließen. Klappt auch das einwandfrei, bitten Sie einen Helfer, an Ihrem Pferd vorüberzugehen und dabei den Schirm aufzuspannen. Wenn dann auch das bei Ihrem Pferd „sitzt“, sind Sie auf dem Weg zu einem gelassenen Sport- und Freizeitpartner schon ein ganzes Stück weiter. Und wenn dann noch ein befreundeter Landwirt bereit ist, einmal seinen Traktor mit laufendem Motor auf den Reitplatz zu stellen, ist das die beste „Trockenübung“ für die nächste Begegnung mit solch einem „Ungeheuer“ im Gelände. Auch hier gilt: das Pferd langsam und geduldig an den knatternden Gegenstand heranführen - im Stand ist so eine Maschine ja nun wirklich völlig harmlos.

Dieses vorsichtige Herantasten an fremde Gegenstände und ungewohnte Situationen ist übrigens auch eine gängige Methode von Trainern von Filmpferden. Auch die vierbeinigen Darsteller von „Ostwind“ und anderen Pferdefilmproduktionen wurden und werden auf diese Weise auf ihre Aufgaben und Auftritte vor der Kamera vorbereitet. Das spielerische Wedeln und Rascheln mit einer Plane, das Durchreiten eines „Fransenvorhangs“ aus bunten Bändern, das Gewöhnen des Pferdes an flatterndes, rot-weißes Trassierband – alles keine unnütze Spielerei, sondern ein ganz wichtiger Ausbildungsschritt, der im Ernstfall hilft, das Leben und die Gesundheit von Pferd und Reiter zu schützen.

Zum Schluss noch ein Tipp: Ein professioneller Trailparcours mit Hindernissen wie Rampen, Podesten, Brücken, Stangengasen, Wasserbecken und so weiter ist ein idealer „Spielplatz“, auf dem Sie Ihr Pferd in Ruhe und in einer sicheren Umgebung an Neues heranführen können. Wenn es die fortschreitenden Lockerungen der Corona-Schutzverordnungen wieder zulassen, findet sich bestimmt ein Reitverein, der einmal einen solchen Trailparcours zur Verfügung stellt. Im Internet finden sich auch Anbieter mobiler Trail-Hindernisse, die Sie tageweise mieten können. In der Zwischenzeit tut’s natürlich auch das Training Zuhause ohne Profi-Hindernisse. Ungewohnte Gegenstände wie Planen, Trassierbänder und andere „Schreckgespenster“ finden sich ja in jedem Reitstall bestimmt irgendwo.