Die Pferde mit dem Elchschaufel-Brand blicken auf eine jahrhundertealte, wechselvolle Geschichte. Nicht alleine das Durchhaltevermögen ihrer Züchter macht diese Rasse bis heute so besonders.

Stübben, Gläserne Manufaktur, Kempen, Sattel, Pferd, Reiter, Pferdezucht, Trakehner

(Foto: Kathleen Conklin/Wikimedia/CC-BY-2.0)

Als sich die rheinischen Züchter der wohl ältesten Reitpferderasse Deutschlands Mitte Februar in der Firmenzentrale von Stübben zu ihrer jährlichen Mitgliederversammlung trafen, konnte man ihre Begeisterung für diese Pferderasse fast mit den Händen greifen. Und das aus gutem Grund. Denn das Zuchtziel eines zähen, gesunden, umgänglichen und dabei sehr leistungsbereiten Pferdes für alle Sparten der Reiterei zieht sich seit mehr als 700 Jahren konsequent durch sämtliche Zuchtlinien.

 

Aber der Reihe nach:

Uralte Blutlinien

Die Anfänge der Trakehnerzucht gehen zurück bis ins 13. Jahrhundert, in die Zeit des Deutschritterordens im heutigen Osteuropa. Um ihre militärische Präsenz und Überlegenheit auszubauen, verwendeten die mittelalterlichen Züchter die damals in der Region des späteren Ostpreußen heimischen „Schweikenponys“, um sie derart zu „veredeln“, das aus ihnen militär- und kampftaugliche Ritterpferde hervorgingen. Das im damaligen Dialekt des prußischen verwendete Wort „swekys“ für diese Pferde bedeutet übrigens ursprünglich so viel wie „Pflugpferd“.

Trakehnen, heute ein Ort mit dem Namen „Jasnaja Poljana“ im russischen Teil des ehemaligen Ostpreußen, war einstmals eins der fünf Hauptgestüte des Königreichs Preußen. Auf seiner letzten Inspektionsrundreise durch Ostpreußen im August 1739 schenkte König Friedrich Wilhelm das Gestüt Trakehnen seinem Sohn, dem Kronprinzen Friedrich. Der Sohnemann, im Jahr darauf selber zum König Friedrich II gekrönt, hatte daraufhin nichts eiligeres zu tun, als seiner Frau Elisabeth Christine einen begeisterten Brief folgenden Inhalts zu schreiben: „Der König war sehr freigiebig und schenkte mir das Gestüt, das sehr prächtigen Gewinn abwirft. Das ist ein sehr schönes Geschenk und erweist mir die größte Gunst der Welt.“

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(Foto: Wikimedia/CC-PD-Mark)

Das Landstallmeisterhaus inTrakehnen. Das Gebäude beherbergt heute eine Schule und ein „Trakehnen-Museum“. 

Das ostpreußische Gestüt war aber nicht nur finanziell, sondern auch züchterisch eine wahre Goldgrube. Zwischenzeitlich befasste man sich dort sogar mit der Zucht von Trakehnern als elegante, ausdauernde Kutschpferde, bevor man Ende des 18. Jahrhunderts wieder dazu überging, diese Pferde für den harten Einsatz beim Militär zu züchten. Im 19. Jahrhundert wurden zur Veredelung dieser Rasse Araber und englische Vollblüter eingekreuzt. Was dazu führte, dass Anfang des 20. Jahrhunderts der Trakehner einen etwa 50-prozentigen Vollblutanteil hatte.

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(Foto: Wikimedia/CC-PD-Mark)

Zuchtideal des Trakehners im Jahr 1927: Der feine Kopf verrät den Einschlag von Arabischem und Englischem Vollblut. 

 

Geschichtsträchtiges Brandzeichen

Das Brandzeichen der Trakehner, die siebenendige Elchschaufel, die seit 1787 zum Einsatz kam, hat ebenfalls eine bewegte Geschichte hinter sich. Vor dem Zusammenbruch der Zucht im Oktober 1944 bekamen alle diejenigen Pferde, die tatsächlich im Hauptgestüt Trakehnen das Licht der Welt erblickten, den Brand der einseitigen Elchschaufel auf die linke Hinterhand gebrannt. Pferde, die zwar in dieser Region, aber eben nicht im Gestüt selber geboren wurden, waren demnach auch keine „Trakehner“, sondern wurden als „Ostpreußisches Warmblut Trakehner Abstammung“ bezeichnet, und bekamen die heute weltbekannte doppelte Elchschaufel auf die linke Hinterhand gebrannt.

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(Foto: Wikimedia/CC-Zero)

Da es seither -aus verständlichen Gründen – keine Pferde mehr gibt, die noch im damaligen Hauptgestüt Trakehnen geboren wurden, gibt es streng genommen auch keine „Trakehner“ im eigentlichen Sinne mehr, sondern genaugenommen eben nur noch das „Ostpreußische Warmblutpferd Trakehner Abstammung“. Was der Qualität der Zuchtlinien natürlich überhaupt keinen Abbruch tut.

 

Traurige Berühmtheit

Ein weiteres sehr geschichtsträchtiges, allerdings auch sehr dunkles Kapitel in der Geschichte dieser Pferderasse ist ihre Vertreibung aus Ostpreußen im Zweiten Weltkrieg. Als 1944 russische Einheiten nach Westen vordrängten, wurde es für hunderttausende Bewohner Ostpreußens gefährlich. Auf langen Trecks flüchteten sie im besonders eisig kalten Winter 1944/1945 vor den herannahenden russischen Truppen. Als am 17. Oktober 1944 um fünf Uhr morgens das Telefon klingelte und dem Gestütsleiter von Trakehnen die Weisung erteilt wurde, das Gestüt mit allen Vorwerken zu räumen, war klar, dass sich Mensch und Tier nun schnellstmöglich auf den gefährlichen, strapaziösen, entbehrungsreichen über 1.000 Kilometer langen Weg nach Westen machen mussten. Die Verluste auf den legendären Flüchtlings-Trecks unter anderem über das zugefrorene Frische Haff an der Ostsee waren nicht nur bei den Menschen, sondern auch bei den Trakehnern sehr groß. Vielfach zogen die Pferde die Wagen durch bitterkaltes Tau- und Meerwasser, das ihnen teils bis zum Bauch reichte. Dabei standen kaum Futter und Unterstellmöglichkeiten zur Verfügung und viele Stuten vor den vollbeladenen Treckwagen waren hochtragend. Von den einstmals mehr als 30.000 Trakehnern auf den Trecks waren schließlich gerade einmal etwa 1.500 Tiere übriggeblieben, die in den Wirren der Nachkriegszeit in ganz Westdeutschland verteilt waren. Damit hatten diese Pferde die größte und härteste Leistungsprüfung abgelegt, die es jemals in der Pferdezucht gegeben hat.

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(Foto: Bundesarchiv, Bild 146-1976-072-09 / CC-BY-SA 3.0)

Auf Flüchtlingstrecks wie diesen zeigte sich die Robustheit der mitgeführten Trakehner. Trotzdem verendeten Tausende Tiere auf der Flucht.

 

Erfolgreich in der Zucht und im Sport

Aus dieser kleinen, in den Westen geretteten Menge an Original-Trakehnern und Ostpreußischen Warmblutpferden Trakehner Abstammung entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten wieder eine in Zucht und Sport erfolgreiche Population. Die sprichwörtliche Härte und Zähigkeit des Trakehners sowie der immer noch hohe Vollblutanteil zeigen sich im modernen Reitsport aufgrund der ursprünglichen züchterischen Ausrichtung als einstiges Militärpferd heutzutage am deutlichsten in der Vielseitigkeit und im Distanzreiten. In den vergangenen Jahrzehnten gab es aber auch weiterführende Zuchtbestrebungen, den Trakehner als leistungsfähiges Dressur- und Springpferd zu etablieren. Seither haben es unzählige Ostpreußen mit ihren Reitern selbst bis in die höchsten Kategorien des internationalen Spitzensports geschafft. Auch in der Zucht nicht nur innerhalb der eigenen Population feiern Trakehner große Erfolge, denn der Trakehner wird auch heute noch als Veredler in den Warmblutzuchten in Deutschland, aber auch im Ausland eingesetzt. Hengste wie unter anderem Consul, Caprimond, Hohenstein, Gribaldi und aktuell Millenium im Dressurbereich sowie z.B. Grafenstolz im Bereich der Zucht von Vielseitigkeitspferden verweisen nicht nur in der eigenen Rasse auf viele erfolgreiche Nachkommen.