Die Hindernisse eines Trailparcours sind weit mehr als nur eine „nette Spielerei“. Welches Trainingspotenzial in Podesten, Stegen, Brücken, Wippen und anderen Herausforderungen steckt.

Ein Trailparcours ist keine neumodische Erfindung. Die Idee dazu ist schon seit den 1980er Jahren aus Nordamerika mit dem Westernreiten nach Europa geschwappt. Allerdings führten Trailparcoure viele Jahre und Jahrzehnte ein Nischendasein als Spezialbeschäftigung einiger naturbegeisterter Freizeitreiter, die für ihre Wanderritte möglichst nervenstarke und ausbalancierte Pferde haben wollten. Doch seit einigen Jahren entdecken auch immer mehr Dressur-, Vielseitigkeits- und Springreiter die Vorzüge, die ein Trailparcours ihnen bzw. ihrem Pferd bietet.

 

Effektives Training

Es sieht so leicht aus und ist doch so schwer. Denn etwa das präzise Durchlaufen durch eine am Boden liegende Stangengasse in Form des Großbuchstaben „L“ erfordert von Pferd (und Mensch!) ein Höchstmaß an Konzentration. Auf einen Trailparcours geht es nicht in erster Linie darum, den (sichtbaren) Muskelaufbau des Vierbeiners zu verbessern. Sondern das Gleichgewicht, die Körperwahrnehmung und die Trittsicherheit des Pferdes zu schulen. Und sein Vertrauen in „seinen“ Menschen zu vertiefen. Alles Fähigkeiten, die für jeden Reiter, gleich welcher Disziplin er sich verschrieben hat, ausgesprochen wertvoll sind.

Ein Trail beansprucht vor allem die „kleinen grauen Zellen“ des Pferdehirns, das unter solchen Bedingungen für den Moment mehr als 70 Prozent seiner Körperenergie in seinem Gehirn verbraucht. Ich habe schon Pferde erlebt, die nach nur einer Dreiviertelstunde Geschicklichkeitstraining im Trail „erledigt“ waren, und den Rest des Tages zur Regeneration brauchten. Was übrigens für ihre Reiter und/ oder Besitzer genauso galt. Dabei wurde von allen Beteiligten keine nennenswerte körperliche Leistung erbracht. Sondern vor allem eben Köpfchen. Wer sein Pferd im Trailparcours arbeitet, sollte deshalb daran denken, dafür genügend Zeit mitzubringen, und zwischendurch auch immer mal wieder eine Pause einzulegen.

Doch dieser Krafteinsatz von „Hirnschmalz“ lohnt sich. Denn Kursteilnehmer, die an einem Trailparcour-Training teilgenommen hatten, berichten mir immer wieder begeistert, wie angenehm zu reiten und wie aufmerksam ihre Pferde nach einem Trail in den regulären Reitstunden danach sind.

 

Hindernisse „von draußen“

Die meisten Trail-Hindernisse orientieren sich an den Herausforderungen, denen Pferd und Reiter üblicherweise im Gelände begegnen. Eine mit Querhölzern gelegte Stangengasse etwa imitiert das Ast-Wirrwarr eines Windbruchs oder dichtes Unterholz im Wald. Ein hohl klingender Holzsteg – ganz klar, das ist draußen eine hölzerne Brücke über einen Bach. Und der Flattervorhang als Trailhindernis nimmt dem Pferd den Schrecken, den im Gelände eine mit im Wind flatternden Trassierbändern gekennzeichnete Baugrube auslöst. Der Vorteil eines solchen Parcours liegt klar auf der Hand: alle diese Herausforderungen können in ruhiger Atmosphäre und in der geschützten Halle geübt werden. Das Leitmotto eines Trail-Wochenendes sollte daher immer sein: „alles kann, nichts muss“. Will es mit einem Hindernis so gar nicht klappen, dann hat das nichts mit Verweigerung des Pferdes zu tun. Sondern damit, dass es mit diesem Hindernis für den Moment noch überfordert ist. Was für den Reiter dann ein wichtiger Hinweis ist, an was er mit seinem Pferd weiterhin noch üben muss. Ist es vielleicht ein Kommunikationsproblem? Muss für das betreffende Hindernis „ein Gang zurückgeschaltet“ und erst an der Akzeptanz eines bestimmten Details dieses Hindernisses gearbeitet werden? Ganz wichtig für den Gesamterfolg der Trailarbeit ist, am Schluss stets eine Übung zu absolvieren, die das Pferd sehr gut kann. Positiv abschließen – und dann natürlich heftigstes Loben nicht vergessen!

 

Trailparcours „to go“

Mit ein wenig Phantasie lässt sich ein Trailparcours mit allen möglichen Materialien aus der heimischen Reithalle wie Springstangen, Hindernisständern, Pylonen, Trassierbändern und so weiter selber zusammenstellen. Es gibt aber seit einiger Zeit eine, wenn auch noch geringe Anzahl von Anbietern, die mobile „Gemeinheiten“ wie Wippen, Holzstege, Podeste und dergleichen für ein Wochenende vermieten. Der Vorteil: Sie brauchen sich nicht um Mitstreiter zum Stangenschleppen zu kümmern, die beim Auf- und Abbau der Hindernisse mit Hand anlegen. Denn das erledigen die Trailanbieter selber.

Das Interesse an Trailparcour-Trainingsveranstaltungen wird zunehmend größer. Daher kann es sich für jeden Reitverein lohnen, für das kommende Jahr (wenn es das Infektionsgeschehen hoffentlich wieder zulässt) auch einmal einen Trailparcours in das Veranstaltungsprogramm aufzunehmen.