Nicht nur ambitionierte Turniercracks stehen zu Beginn der „Grünen Saison“ vor der Herausforderung, ihr Pferd nach der Winterpause fit für die aktive Jahreszeit zu machen. Mit durchdachter Bodenarbeit fällt Pferden der Einstieg in die Turniersaison leichter.

Die Vorbereitung auf eine sportliche Betätigung ist bei Mensch und Pferd gleichermaßen so eine Sache. Jeder Reiter weiß, dass es ganz ohne nicht geht. Aber sich aufzuraffen, sein Pferd (und auch die eigene Kondition) nach dem langen Winter mit einem entsprechenden Training erst wieder langsam und vernünftig auf die bevorstehenden sportlichen Aufgaben und Herausforderungen vorzubereiten, scheint bisweilen wenig verlockend.

Bodenarbeit hat bei vielen Pferdeleuten immer noch den Nimbus von „langweilig“. Aber von wegen! Gerade mit Übungen, die das Pferd ohne Reiter auf dem Rücken in seinen Bewegungen, seiner Aufmerksamkeit und seinem Gehorsam fordern und fördern, lassen sich später unter dem Sattel ganz erstaunliche Fortschritte verzeichnen. Allerdings braucht es bei der Vorbereitung einer zielgerichteten Boden-Übungseinheit vorab ein wenig Hirn- und Muskelschmalz. Überlegen Sie sich schon auf der Fahrt zu Ihrem Pferd, an was genau Sie heute mit ihm arbeiten möchten. Hapert es noch ein wenig an der Konzentration? Müssen wir für bestimmte Lektionen noch ein wenig mehr an der Koordination der Beine arbeiten? Oder ist der Einsatz der Hinterhand für Ihr Pferd immer noch so eine Sache mit „Diskussionsbedarf“?

Bodenarbeit ist übrigens nicht nur etwas für Freizeitreiter, die mit ihrem Pferd einfach nur eine tolle Zeit verbringen und vom hektischen Alltag abschalten wollen. Auch ambitionierte Turnierreiter aller Klassen können mit ihren Pferden von einem zielgerichteten Training vom Boden aus ganz ordentlich profitieren. Sie merken schon – ich liebe Bodenarbeit!

 

Los geht‘s

Haben Sie also einen Plan gefasst, welcher Ausbildungs- oder Trainingsaspekt heute „dran“ ist, geht es an die Vorbereitung des Trainingsparcours. Die wichtigsten „Helferlein“ am Boden sind Springstangen, die, in verschiedenen Mustern gelegt (das meinte ich oben mit „Muskelschmalz“), dem Pferd (und seinem Besitzer) Orientierung und Ausrichtung geben. Stangen in den Farben Blau und Gelb sind dafür am besten geeignet, weil Pferde diese Farben am besten erkennen können. Auch Pylone eignen sich für bestimmte Aufgaben optimal. Die sind zwar üblicherweise weiß-orange, in manchen Reitsportgeschäften gibt es sie aber auch einfarbig ebenfalls in Blau und Gelb. Was für Pferdeaugen natürlich besser ist. Außerdem wollen Sie mit diesen Dingern ja Ihr Pferd trainieren und keine Baustelle absichern…

Bevor Sie durchstarten, gilt es natürlich, Ihren vierbeinigen Athleten aufzuwärmen. Hat sich Ihr „Crack“ die vorgeschriebenen 20 Minuten im Schritt warm gemacht, kann an der Longe dann auch ruhig getrabt und galoppiert werden. Das regt den Kreislauf an und macht wach und munter. Pferd und Mensch gleichermaßen.

Jetzt aber endlich an die Übungen! Geht es darum, die Wahrnehmung und Konzentration des Pferdes zu fördern, beginne ich immer gerne mit folgender Lektion: Legen Sie eine Stangen-Gasse mit jeweils zwei hintereinanderliegenden Stangen auf jeder Seite, die in der Mitte durch eine querliegende Stange getrennt sind. Das Ganze sieht von oben aus wie der Großbuchstabe „H“. Die Aufgabe lautet nun: „Führe Dein Pferd bewusst und Schritt für Schritt durch die Gasse. Bleibe vor dem Querbalken stehen, und führe dann Dein Pferd Huf für Huf darüber.“ Schummeln gilt nicht – die meisten Pferde neigen nämlich dazu, nach dem Passieren der Stange mit den Vorderbeinen die Hinterbeine mit einem kleinen Sprung nachzuziehen. So einfach diese Übung klingt, habe ich schon M-ausgebildete Pferde erlebt, die aus einer solchen Stangenfigur mangels Balance und Koordinationsvermögen im Hufumdrehen Kleinholz gemacht haben. Also mit dem eigenen Pferdekumpel einfach mal ausprobieren.

Eine andere Übung, die vor allem die Balance sehr gut schult, geht folgendermaßen: Legen Sie einen (natürlich leeren) Wasserbuck verkehrt herum auf den Boden. Legen Sie dann vier Stangen derart kreuzweise auf den Wasserbottich, dass immer ein Ende der Stange auf dem Behälter, und das andere Ende auf dem Boden liegt. Hierbei lautet die Aufgabe: „Führe Dein Pferd (natürlich auf BEIDEN Händen) im Kreis über die Stangen“. Der besondere Clou dieser Aufgabe ist, dass das Pferd durch die Schräglage der Stangen die inneren Beine höher heben muss als die äußeren. Diese Übung fördert Grips, Körperbewusstsein und Balance Ihres Pferdes gleichermaßen.

Eine Übung, die neben der Wahrnehmung und der Balance auch das Training der Muskeln der Hinterhand einbezieht, nenne ich gerne das „Mikado-Spiel“. Legen Sie dafür eine Anzahl Stangen derart, als wären es Mikadostäbchen, die Sie wie zufällig haben hinfallen lasen. Jetzt ist die Aufgabe, das Pferd Schritt für Schritt durch dieses Stangengewirr zu führen, ohne dass sich -wie im Mikadospiel- eine Stange bewegt. Bei dieser Übung werden übrigens die Konzentration und Bewegungskoordination des Reiters ebenfalls gefordert. Denn natürlich gilt auch für den Mensch: Schummeln gilt nicht! Alle Stangen müssen liegenbleiben, so wie sie hingelegt worden sind.

 

Weniger ist mehr

Das Ziel aller Übungen vom Boden aus ist, dass das Pferd lernt und sich trainiert, bei allen geforderten Lektionen stets seine Balance zu finden. Das funktioniert aber nur, wenn es nicht durch unnötig viel „Leder“ am Kopf in seinen Bewegungen eingeschränkt wird. Für Hilfszügel wie Schlaufis und Konsorten aller Art gilt daher grundsätzlich: So viel wie nötig, so wenig wie möglich.

Auch hinsichtlich des Muskelaufbaus will der Einsatz von zusätzlichen Hilfsmitteln gut durchdacht sein. Denn Muskeln bauen sich nur auf, wenn sie gefordert werden. Soll beispielsweise die Halsmuskulatur auf Vordermann gebracht werden, nützt der Einsatz von Ausbindern rein gar nichts. Im Gegenteil - das Pferd lernt mit ihnen nur, sich mit dem Gebiss daran gewissermaßen „aufzustützen“ und sich in die Riemen zu hängen. Das ist natürlich viel bequemer, als sich durch diese Hilfszügel dazu motivieren zu lassen, den Hals gewissermaßen als „Balancestange“ zur Findung und dem Erhalt des Gleichgewichts einzusetzen.

 

Voll bei der Sache

Wie ich schon sagte, ich liebe Bodenarbeit. Denn sie verlangt nicht nur vom Pferd, sich voll auf den Mensch zu konzentrieren und die geforderte Übung korrekt ausführen. Auch der Reiter am Boden muss in Gedanken voll konzentriert und bei seinem Pferd sein. Das ist anstrengender und anspruchsvoller, als es sich zunächst vielleicht anhört. Bei der Bodenarbeit stellt sich auch gar nicht so sehr die Frage, wie lange sich Ihr Pferd auf eine Aufgabe konzentrieren kann. 15 Minuten? Vielleicht 20? Hengste länger als Wallache? Glauben Sie mir – ohne Übung ist der Reiter viel schneller am Ende seiner Konzentrationsfähigkeit angelangt als sein Pferd! Das liegt vor allem daran, dass Pferde es gewohnt sind, sich im Hier und Jetzt beständig auf ihre Artgenossen einzulassen, ihrer Körpersprache zu folgen und entsprechend auf sie zu reagieren. Ablenkungen wie ein klingelndes Smartphone oder eine hereinploppende neue Whats-App, die natürlich sofort beantwortet werden muss, gibt es in ihrer Welt ja nicht. Unterschätzen Sie deshalb nicht, wie anstrengend solche Übungen für Sie sein können. Im Zweifelsfall ist auch hier weniger mehr. Bemerken Sie erste Konzentrationsschwächen an sich, dann beenden Sie eine Übung besser sofort. Planen Sie bei der Bodenarbeit ausreichend lange Pausen ein, und schließen Sie einen Bodenparcours immer mit einem Erfolgserlebnis für Ihr Pferd ab. Das kann an manchen Tagen, an denen es vielleicht mal nicht so gut läuft, auch bedeuten, mit einer zwar „nur“ einfachen Übung, die dafür aber umso sicherer „sitzt“, aufzuhören.

Und ganz wichtig bei der Bodenarbeit: Der Spaß darf nie zu kurz kommen! Nicht für das Pferd, und auch nicht für seinen zweibeinigen Kumpel.