Pferde in Traditionsumzügen – das ist nicht nur zu Rosenmontag ein ganz „heißes Eisen“.

Es ist jedes Mal der Aufreger der Saison, oder besser der Session: Pferde in großen Rosenmontagsumzügen. Und nicht nur dort. Auch andere, weniger bekannte Traditionsumzüge, in denen Pferde eine Rolle spielen, wie etwa der sächsische „Eibauer Bierzug“ oder die süddeutsche „Leonhardifahrt“, sorgen immer wieder für Zündstoff zwischen Tierschützern und traditionsbewussten Veranstaltern solcher Umzüge. Über allem steht dabei die Streitfrage, ob Pferden der Stress einer solchen Veranstaltung zugemutet werden kann, oder ob sie übermäßig darunter leiden.

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Belastende Situation

Ganz nüchtern betrachtet ist es tatsächlich nicht schwer, sich vorzustellen, dass Pferde mit dem „Drumherum“ eines Festumzuges, den Menschenmassen, der lauten Musik der mitmarschierenden Musikkapellen, flatternden Fahnen und dergleichen mehr tatsächlich ernste Probleme bekommen können. Für die ursprünglichen Bewohner der weiten, stillen Steppen, deren einziges Geräusch das beständige Pfeifen des Steppenwindes ist, bedeuten Störungen dieser Ruhe immer, dass sich irgendwo in der Nähe ein Fressfeind befindet. Keine schöne Vorstellung für ein Pferd, das auf Reize dieser Art immer mit Flucht reagiert. So es denn flüchten kann. Was in einem dichtgedrängelten Umzug mit hunderten oder gar tausenden von Besuchern drumherum natürlich nicht möglich ist.

 

Klare Ansagen von Tierärzten

Nicht nur Tierschützer, auch Tierärzte machen sich schon seit längerem Gedanken um das Wohlergehen von Pferden in Traditionsumzügen. So findet die „Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz“ (TVT) in ihrem Merkblatt Nr. 147 („Einsatz von Pferden bei Festumzügen“) klare Worte. Sie fordert, „dass Pferde von ihrem körperlichen und psychischen Leistungs- und Ausbildungsstand her für den vorgesehenen Einsatz geeignet sein müssen. Die Pferde müssen gut auf die Anforderungen vorbereitet werden, ansonsten wäre ein Einsatz nicht mit dem Tierschutzgesetz vereinbar.“ Und auch den Reitern werden von den Tierärzten klare Ansagen gemacht: „Eine besondere Rolle bei dem tierschutzkonformen Einsatz von Pferden in Umzügen spielt der Reiter oder Fahrer. Diese Person muss über eine solide Grundausbildung (z. B. Reit- und/oder Fahrabzeichen) verfügen und zusätzlich, ähnlich wie das Pferd, durch Erfahrung und praktische Übung für die besondere Situation bei Umzügen trainiert worden sein. Darüber hinaus muss diese Person verantwortungsbewusst mit der Situation umgehen. Gegebenenfalls bedeutet das auch, im Einzelfall auf eine Teilnahme zu verzichten oder im Verlauf des Umzuges zugunsten des Pferdes abzubrechen.“

 

Ohne Vertrauen geht es nicht

Nach eigener langjähriger Erfahrung und der Teilnahme an einer ganzen Reihe von Festumzügen mit meinen Pferden ist das sicherste und auch einzige (erlaubte) Mittel, dass Ross und Reiter einen Festumzug gut überstehen, meiner Meinung nach absolutes Grundvertrauen des Pferdes in „seinen“ Menschen im Sattel. Denn es ist zwar bis zu einem gewissen Grad möglich, ein Pferd an Dinge wie laute Geräusche und flatternde Fahnen zu gewöhnen. Aber es ist unmöglich, die Situation für das Pferd während eines Festumzugs mit seinen Menschenmassen, Gerüchen und dem übrigen Drumherum im Training komplett nachzustellen. Mittendrin im Festzug ist der Mensch die einzige Bezugsperson, die dem Pferd Sicherheit, Ruhe und Gelassenheit vermitteln kann.

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Beruhigungsmittel sind verboten

Eine ganz klare Absage erteilen nicht nur Tierärzte dem Einsatz von beruhigenden Pülverchen. Denn deren Verwendung ist nicht nur laut dem Tierschutzgesetz ganz eindeutig verboten. Auch wird sich jeder vernünftige Reiter nie auf ein derart sediertes Pferd setzen. Denn gerät es in diesem Zustand im Umzug einmal ins Straucheln, sind lebensnotwendige Schutzreflexe ausgeschaltet und ein schlimmer Sturz unvermeidbar. Ein Pferd für einen Umzug zu sedieren ist in etwa, wie einem Auto vor einer steilen Bergabfahrt die Bremsen heraus zu montieren.

Aus einem ganz anderen Grund sind zumindest im diesjährigen Kölner Karnevalsumzug einige Pferde weniger unterwegs als in den Jahren zuvor: Aus Angst, dass sich ihre Tiere mit der derzeit vereinzelt immer wieder auftretenden, hochinfektiösen „Druse“ infizieren, hat die Karnevalsgesellschaft „Nippeser Bürgerwehr“ auf den Einsatz ihrer Pferde verzichtet. Die Reiter präsentieren sich wie gewohnt in ihren historischen Kostümen, aber eben zu Fuß. Geht ja auch.

Und Brauchtum ist nicht in Stein gemeißelt. Ein altes afrikanisches Sprichwort besagt: „Tradition heißt, die Flamme bewahren, nicht die Asche bewachen“. Wie das dichte Gedrängel der Besucher am Wegrand der Umzüge beweist, klappt es offenbar auch ohne Pferde ganz gut, Menschen für Traditionen und Brauchtum zu begeistern. Nicht nur im Karneval.