Manchmal steht selbst der erfahrenste Trainer vor einer großen Herausforderung, wenn es darum geht, den Grund für ein Rittigkeitsproblem zu finden. Liegt es am Reiter? Am Pferd? Ein neuentwickeltes digitales Analyseverfahren zeigt, wo es zwischen Reiter und Pferd wirklich „klemmt“.

Deutsch-niederländische Zusammenarbeit auf höchstem Niveau: Am 11. Dezember war das niederländische Start-up-Unternehmen „EquInnoLab“ aus Weert in der Nähe von Eindhoven zu Gast bei Stübben. Anlass war die Präsentation eines neuartigen, wissenschaftsbasierten Analyse- und Beratungssystems, das in Verbindung mit einer eigens dafür entwickelten Computersoftware Bewegungsabläufe und ihre Auswirkungen auf die Biomechanik und Balance von Pferd und Reiter darstellen kann.

Nach der Begrüßung der Gäste durch den Geschäftsführer Johannes Stübben erläuterte Theo Lenzen von der Wirtschaftsförderung des Kreises Viersen kurz den Hintergrund dieser Veranstaltung. Er führte aus, dass die Präsentation des niederländischen Start-ups in den Räumen der Gläsernene Manufaktur in Kempen ein Ergebnis des deutsch-niederländischen Projekts „Equi-cross potentials“ ist. Ziel dieses Projekts ist es, die Reiter- und Pferdeszene diesseits und jenseits der Grenze enger miteinander zu verzahnen und sich daraus ergebende Synergien besser zu nutzen. 

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Umfassende Analyse

Bei der nachfolgenden Präsentation war in der Gläsernen Manufaktur Internationales Flair angesagt. Wer den Vortrag der niederländischen Experten verfolgen wollte, musste an diesem Abend seine Englischkenntnisse hervorkramen. Denn Jenny Schreven und Alain Broft von „EquInnoLab“ erläuterten vor etwa 20 geladenen Gästen den komplexen Aufbau und Ablauf ihres Analyseverfahrens in Englisch: In einem intensiven Gespräch mit dem Reiter und seinem Coach werden zunächst die persönlichen sportlichen Entwicklungsziele konkretisiert und festgelegt. Als nächstes folgt durch die Experten von EquInnoLab die Erhebung eines umfangreichen sportmedizinischen Datensatzes zum aktuellen Fitnesszustand des Reiters und seines Pferdes.

Mit der anschließenden Video-Analyse geht es dann für Pferd und Reiter gewissermaßen „ans Eingemachte“: Nach dem Warmreiten des Pferdes werden an den Gelenken des Reiters und seines vierbeinigen Sportpartners kleine bunte Kugeln befestigt. Dann wird das Test-Duo in allen Gangarten von zwei aufgestellten Highspeed-Kameras mit 200 Bildern pro Sekunde in der Bewegungsrichtung und von der Seite gefilmt. Bei der nachfolgenden Computerauswertung mit einer von EquInnoLab eigens für diese Zwecke entwickelten Software werden anhand der Kugeln an den Gelenken bestimmte Bewegungsabläufe und die sich daraus ergebenden Kraftlinien und Kräfteverteilungen berechnet und dargestellt. Diese Art der unbestechlichen Video-Auswertung in Echtzeit macht es möglich, ganz genau die Schwachstellen im Bewegungsablauf herauszufinden und im weiteren Training gezielt daran zu arbeiten.

 

Individuelle Betreuung

Doch der Service des Teams von EquInnoLab endet nicht beim Sichtbarmachen von fehlerhaften Bewegungsabläufen. Er umfasst auch die nachgelagerte sportmedizinische Beratung und Betreuung des Reiters und seines Trainers. Dafür beschäftigt das junge niederländische Unternehmen sogar einen eigenen Sportwissenschaftler. Auf diese Weise kann der weitere Trainingsverlauf wissenschaftlich fundiert beobachtet, regelmäßig begleitet und, wenn nötig, zielgerichtet korrigiert werden. Anhand der erhobenen Daten entwickelt das Team von EquInnoLab einen individuellen, genau auf den Reiter und sein Pferd abgestimmten Trainingsplan, der alle vier Wochen bewertet und dem aktuellen Trainingslevel angepasst wird.

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Sattel als Bindeglied

Der Grund, warum sich Stübben als traditionsreiches Sattlerunternehmen für dieses innovative, wissenschaftlich fundierte Analyse- und Betreuungsverfahren der Niederländer interessiert, liegt auf der Hand. Denn nur wenn das Zusammenspiel von reiterlichen Hilfengebungen und den Reaktionen des Pferdes reibungslos funktioniert, kann sich im Training und im Wettkampf ein Erfolg einstellen. Und weil der Sattel gewissermaßen das „Bindeglied“ zwischen dem Reiter und seinem Pferd ist, hat dessen perfekte Passlage auf dem Pferderücken eine besonders große Bedeutung. Mit dem neuartigen Analyseverfahren lässt sich nun in Echtzeit auch herausfinden, wie es um die Passgenauigkeit des Sattels für das Pferd, aber auch für den Reiter bestellt ist.

 

Praxisorientiertes Verfahren

Da auch im Reitsport alle Theorie meist sehr trocken ist, boten die beiden Experten von EquInnoLab am Ende der Veranstaltung an, im Frühling nächsten Jahres einmal eine Praxisdemonstration für interessierte Reiter und Trainer zu veranstalten. Der genaue Termin steht zwar noch nicht fest. Aber nach diesem Abend war allen Teilnehmern klar: auch im Reitsport kann die Digitalisierung eine wertvolle Hilfe sein, Reiter und ihre vierbeinigen Sport- und Freizeitpartner voran zu bringen.