Der Fluchtinstinkt von Pferden macht den Umgang mit ihnen nicht immer einfach. Und der Teufel steckt auch bei so vermeintlich einfachen Dingen wie dem Führen und dem Anbinden im Detail. Worauf es ankommt.

Um es gleich vorweg zu nehmen: ein „Patentrezept“ für einen hundertprozentig sicheren Umgang mit Pferden gibt es nicht. Es kommt vielmehr auf das Individuum und sein Verhalten dem Menschen gegenüber an. Dabei wird der gemütliche „Freizeit-Norweger“ einen Fehler im Umgang eher gutmütig verzeihen als ein nervöser „Sportcrack“. Und es sind fast nie die wirklich unverzeihlichen Unachtsamkeiten, die zu schweren Reitunfällen führen. Sondern ganz oft Kleinigkeiten wie das versehentliche Schleifen des Führstricks auf dem Boden oder ein alter, verschlissener Panikhaken, dessen Feder den Sicherheitshaken durch Materialermüdung schon bei jedem leisen Ruck freigibt und öffnet.

Überhaupt das Material: Geht man mal von der Überlegung aus, dass die eigene Sicherheit und Unversehrtheit in nicht ganz unerheblichem Maß ja auch vom Zustand von Stallhalftern, Stricken, Longen usw. abhängt, dann ist es manchmal schon ganz erstaunlich, in welch‘ bedenklichem Zustand sich die Grundausstattung mancher Pferde befindet. Ein gelegentlicher genauer Blick auf den Zustand von Schnallen, Karabiner- und Panikhaken kann helfen, im Ernstfall Schlimmes zu verhindern. Ein paar Euro mehr für ein neues Stallhalfter, eine neue Longe oder einen neuen Langzügel sind eine sehr sinnvolle Investition nicht nur in die eigene Sicherheit, sondern auch in die des Pferdes. Möchten Sie sich nicht gleich komplett von einem Ausrüstungsgegenstand trennen, weil vielleicht eine schöne persönliche Erinnerung damit verbunden ist, dann kann Ihnen der Sattler helfen, die alters- und abnutzungsbedingten Schwachpunkte Ihres „Schätzchens“ auszutauschen.

 

Umsichtig handeln

Wer beim Führen und Anbinden eines Pferdes Umsicht walten lässt, hat schon viel in einen sicheren und somit für das Pferd vertrauensvollen Umgang investiert. Denn bedenkt man, dass Pferde als Fluchttiere von Natur aus beständig in Sorge sind, nicht einem plötzlich auftauchenden Fressfeind zum Opfer zu fallen, dann muss der Zustand des Angebundenseins für sie ja eigentlich etwas Furchtbares sein. Dass ein ängstliches oder noch junges Pferd dann schnell mal in Panik verfallen kann, ist dann nur allzu verständlich. Eine gelassene Routine beim Anbinden, Putzen und Satteln ist daher unerlässlich. Wird es Ihrem Pferd durch das geschäftige Treiben Ihrer Stallgenossen am Putzplatz irgendwann zu unruhig, dann suchen Sie sich im Stall lieber einen ruhigeren Winkel, um sich um Ihr Pferd zu kümmern.

Mag sich Ihr Pferd aber so überhaupt nicht anbinden lassen, und zerrt es am Halfter heftig zurück, kann das daran liegen, dass das Halfter auf das empfindliche Genick drückt. Das Pferd versucht dann, sich diesem Druck durch Wegzerren vom Putzplatz zu entziehen. Ein Halsriemen, wie er heute noch in vielen Traditionsgestüten an Zuchtstuten und ihren Fohlen üblich ist, kann helfen, dieses für Mensch und Pferd nicht ganz ungefährliche Problem zu lösen. Denn hierbei entfällt der unangenehme Druck auf das Genick.

Die Verwendung eines Halsriemens hat aber noch weitere Vorteile: Denn das Anbinden und Führen mit dem Halsriemen bewahrt die Sensibilität des Pferdes. Es wird nicht ständig an seinem empfindlichen Kopf herumgezerrt, sondern das Tier lernt, auf subtilere Berührungssignale an seinem Hals zu achten.

Und auch der Mensch muss lernen, seinem Pferd ganz klar und eindeutig zu „sagen“, was es gerade tun oder eben nicht tun soll. Da es bei einem ungehorsamen Pferd am Halsriemen quasi aussichtslos ist, irgendetwas durch Krafteinwirkung erreichen zu wollen, müssen Stimme, Hand und Körpersprache des Reiters stärker als die Muskeln und der Wille des Pferdes sein. Das kann zwar ein hartes Stück Arbeit an sich selbst bedeuten, lohnt sich aber in jedem Fall. Eine eindeutige Kommunikation fördert nämlich nicht nur die Sicherheit im Umgang miteinander, sondern hilft auch, das Vertrauen des Pferdes in „seinen“ Mensch zu stärken und zu festigen.

 

Keine „Kraftmeierei“

Jeder, der Umgang mit Pferden hat, sollte sich bewusst sein, dass das Pferd im Ernstfall immer der Stärkere ist. Gegen eine widersetzliche Körpermasse von 500 bis 600 Kilogramm hat selbst der geübteste Bodybuilder nicht den Hauch einer Chance. Kommt es also einmal zu einer gefährlichen Schrecksituation, kann es im Notfall für beide, Mensch und Pferd, sicherer sein, den Führstrick loszulassen, bevor Schlimmeres passiert. Das Einfangen eines erschreckten Pferdes dauert jedenfalls längst nicht so lange wie beim Menschen das Ausheilen eines unfallbedingten Knochenbruchs oder sonst einer Verletzung.

Weil sich selbst das erfahrenste Pferd einmal erschrecken und losreißen kann, ist der Aufbau eines vertrauensvollen Verhältnisses zu seinem Pferd die aussichtsreichste Grundlage, es nach einem unangenehmen Vorfall schnell wieder eingefangen zu bekommen. Hat es gelernt, dass es bei seiner Reiterin oder seinem Reiter jederzeit Sicherheit und Geborgenheit findet, hat es ja gar keinen Grund, sich nicht rasch wieder einfangen zu lassen. Haben Sie es dann wieder unter Kontrolle, dann bitte nicht „im Nachhinein“ für sein Verhalten bestrafen. Das macht alles nur noch schlimmer. Bleiben Sie gelassen, und führen Sie es an einen vertrauten Ort, bis es sich wieder beruhigt hat.