Ein Geschirr ist nur zum Ziehen einer Kutsche da? Von wegen. So vielfältig wie die Gespanne ist auch die Ausstattung des Zuggeschirrs.

Wie bei so vielen praktischen Alltagsgegenständen ist auch die Erfindung des Pferdegeschirrs zum Ziehen von Pflügen, Karren und Kutschen nicht auf eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort festzulegen. Schon die Menschen im Alten China spannten vor mehr als 2500 Jahren nicht nur Ochsen, sondern auch Pferde an, die mit ihrer Kraft und Schnelligkeit viel effektiver arbeiteten als ihre gehörnten „Kollegen“ unter dem Joch.

In Europa waren es vor allem die Kelten, die vor mehr als 2000 Jahren den Nutzen erkannten, den die Zugkraft von Pferden für das Ziehen von schweren Lasten mit sich bringt. Auch die Römer machten es sich, vor allem auf Reisen durch ihr Riesenreich, gerne bequem: wer es sich leisten konnte, war nicht zu Fuß unterwegs, sondern benutzte dafür eine speziell konstruierte, von einem Pferd gezogene Reisekutsche, um sich auf den gut ausgebauten Straßen von A nach B bringen zu lassen.

 

Einfach und doch kompliziert

Das Prinzip des Pferdegeschirrs hat sich seit seiner Erfindung natürlich nicht geändert. Sehr wohl aber die Ansprüche, die es im Detail erfüllen soll. So ist heutzutage ein Brustblattgeschirr, das nur für gelegentliche Ausflüge mit der Ponykutsche genutzt wird, verständlicherweise weitaus schlichter gehalten als beispielsweise das Prunkgeschirr einer Staatskarosse der britischen Königin. Und das Geschirr eines Marathonwagens für das sportliche Fahren im Gelände muss wiederum anderes leisten als das Zuggeschirr eines Rückepferdes im Wald.

Und nicht nur bei der Form und Ausstattung, auch bei den Materialien haben die Geschirrmacher unserer Tage die Wahl zwischen Tradition und Moderne. So bestehen der Kern und viele weitere Teile moderner Marathonkumts oft aus Kunststoff. Will es der Geschirrmacher, oder vielmehr sein Kunde, bei den verwendeten Materialien jedoch lieber traditionell angehen, kommen für die Herstellung viele verschiedene natürliche Rohstoffe in Frage. So liegen in der Werkstatt des Geschirrmachers (oft auch als „Schirrmacher“ bezeichnet) bis zu 20 verschiedene Lederarten neben anderen Werkstoffen wie etwa Beschläge aus Metall, Fäden, Garne, Stoffen wie Baumwolle, Leinen oder Hanf, Füllmaterialen (von Schafwolle bis Stroh), Kleber und Leim.

Ein komplettes Pferdegeschirr besteht aus unglaublich vielen Teilen, für deren Herstellung das uralte Fachwissen der Sattler und Geschirrmacher vergangener Tage notwendig ist. Dazu zählen nicht nur die langen, meist aus Leder gefertigten Zügel, die „Fahrleinen“, zum Lenken des Pferdes und das Halfter, das oft mit den berühmten Scheuklappen versehen ist. Das eigentliche Zuggeschirr ist heute häufig ein sogenanntes „Brustblattgeschirr“. Dabei verläuft ein breites, weich gepolstertes, ledernes Brustblatt über die Brust des Pferdes, das mit den seitlich anliegenden Zugsträngen verschnallt ist. Diese werden über das „Selett“, das auf dem Pferderücken liegt, und einen Bauchgurt in Position gehalten. Ein mit dem Bauchgurt verbundener Schweifriemen verhindert, dass die Kutsche beim Bergabfahren das Geschirr nach vorne wegschiebt.

Zum Ziehen von schweren Lasten wird statt des Brustblattgeschirrs auch heute noch meist das sogenannte „Kummt“ verwendet. Ein traditionell gefertigtes Kummt besteht aus einer Art hölzernem Ring, der extrem gut gepolstert ist und dem Pferd um den Hals aufgezogen wird, und an dessen Seiten die schweren Zugstränge befestigt werden. Der Vorteil dieser weitaus schwereren Anspannung ist, dass sich Zuglast nicht nur auf die Brust, sondern auch auf die Schultern des Pferdes verteilt. Auch das Kummt besteht aus vielen Einzelteilen wie dem Kumtkissen, dem Kumtbügel, der Kumtspitze und einer Schlusskette.

 

Nicht von der Stange

In welchem Geschirr ein Pferd auch arbeiten muss – eins haben alle Geschirre gleich: sie müssen dem Pferd extrem gut angepasst sein. Wer bei der Qualität und Passgenauigkeit schludert, riskiert schmerzhafte Druck- und Scheuerstellen an seinem Pferd. Und weil nun mal jedes Pferd andere Proportionen hat, ist ein Geschirr, wie ein gut angepasster Sattel, immer eine Einzelanfertigung. Da ein Pferdegeschirr nicht nur ein ganzes Pferdeleben halten muss und dabei auch keine ganz billige Angelegenheit ist, klärt der Geschirrmacher vor dem ersten Handgriff mit seinem Kunden genau ab, ob es ein Kummt- oder ein Brustblattgeschirr sein soll, welchen Zweck genau es erfüllen soll, welche Beschläge verwendet werden sollen, ob Muster und andere Verzierungen gewünscht werden, welche Farben verwendet werden sollen und noch vieles mehr. Langeweile ist für den Geschirrmacher in seinem Beruf also kein Thema.

Das nächste Mal: Der Stellmacher – bringt alles ins rollen.