Wohl kein Aspekt des Pferdetrainings ist so wichtig und wird doch so oft vernachlässigt. Das gilt für Pferde und ihre Reiter gleichermaßen.

Ängstliche, nervöse Pferde, oder Pferde, die sich mit dem Erlernen neuer Lektionen schwer tun, werden meist zu Unrecht für ihr „Fehlverhalten“ bestraft. Und auch Pferde, die sich hartnäckig weigern, in den Pferdehänger einzusteigen, haben dafür einen schwerwiegenden Grund. Liegt es nicht grundsätzlich am Charakter oder einer unangenehmen Vorerfahrung, findet sich die Ursache für ein Verhaltensproblem nämlich bei genauer Betrachtung ganz häufig in einer mangelnden Balance des Pferdes. Und der Verlust seiner Balance ist eine der größten Grundängste jeden Pferdes. Denn im Erbgedächtnis seiner Spezies ist verankert, dass es durch den Verlust seiner Balance fallen und somit zur leichten Beute für Fressfeinde werden kann. Womit wir bei der zweiten Grundangst aller Equiden wären. Die Arbeit an seiner Balance wirkt diesen Ängsten entgegen, und bekämpft damit die eigentliche Ursache für so manches Verhaltens- oder Rittigkeitsproblem.

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Jedes Pferd hat zwei Seiten

„Der macht auf der linken Hand immer total dicht. Ich komme da gar nicht richtig durch“. Dieser reitstundentypische, oft gehörte Satz (es kann natürlich auch die rechte Hand betroffen sein) weist darauf hin, dass das betreffende Pferd Probleme damit hat, auf der betreffenden Hand sich selbst und seinen Reiter ausbalanciert und damit sicher zu tragen. Die Folge ist daher meist die unbewusste Bevorzugung der „Schokoladenseite“ des Pferdes im Training. Einer meiner Lieblingssätze im Pferdetraining lautet deshalb: „Jedes Pferd hat immer zwei Seiten“.

Die Vernachlässigung einer Seite funktioniert natürlich nicht nur im Sattel, sondern auch bei der Arbeit vom Boden. Um sicherzugehen, dass Ihr Pferd tatsächlich auf beiden Händen gleich lang und gleich viel gearbeitet wird, hat die Firma Equisense in Zusammenarbeit mit Stübben einen Pferde-Selftracker entwickelt, der neben vielen anderen Parametern auch die Zeit erfasst, wie lange auf welcher Hand gearbeitet wurde, und wie koordiniert sich Ihr Pferd dabei verhält. Klicken Sie sich hier einfach mal unter dem Link „Zubehör“ zu unserem Produkt „Motion S“ durch.

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Gelände schult am besten

Schon die alten Reitmeister der Kavallerie wussten, dass das Gelände der beste Schulmeister für die Balance ihrer Pferde ist. Nutzen Sie deshalb bei jedem Ausritt oder Spaziergang an der Hand die Gelegenheit, sich für Ihr Pferd kleine Herausforderungen zu suchen, die seine Körperwahrnehmung und damit seine Balance fördern. Das können beispielsweise kleinere Baumstämme am Wegrand sein, über die Ihr vierbeiniger Kumpel ruhig, konzentriert und gelassen drübersteigen soll. Auch umherliegender grober Gehölzschnitt ist eine prima Übung, Ihr Pferd dazu anzuleiten, seine Beine koordiniert sortiert zu bekommen. Das Durchreiten von engen Bodensenken und das Klettern über steile Geländekuppen sind weitere Herausforderungen zur Schulung der Balance des Pferdes, aber auch der seines Reiters. Und scheuen Sie sich nicht, Ihr Pferd auch auf unebenem Untergrund unterwegs sein zu lassen. Diese Übung ist eine hervorragende Methode gerade für Pferde, die auf dem Reitplatz oder in der Reithalle gerne mal ihre Hufe schleifen lassen und mit ihren Füßen nicht so recht „aus dem Sand kommen“ wollen.

Gibt das Gelände keine nennenswerten Herausforderungen her (was ja in flachen, wenig bewaldeten Landschaften durchaus mal der Fall sein kann), ist konsequente Boden- und Stangenarbeit ein guter Ersatz. Der Phantasie sind hierbei (fast) keine Grenzen gesetzt. Die geforderten Aufgaben dürfen nur kein Unfallrisiko für Pferd und Mensch bergen.

 

Selbstkritisch hinterfragen

Die Arbeit an der Balance des Pferdes ist stets auch eine Arbeit an der Balance des Reiters. Denn es versteht sich ja von selbst, dass sich ein Pferd unter dem Sattel nur dann ausbalanciert bewegen kann, wenn es von seinem Reiter dabei nicht behindert wird. Sitzt der Reiter (meist unbewusst) schief im Sattel, oder hat er eine asymmetrische Körperhaltung, ist es auch mit der Balance des Pferdes schnell vorbei. Lassen Sie sich deswegen ab und an von einer vertrauten Person hinsichtlich Ihrer Körperhaltung kritisch begutachten.

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Auch ein ausgetretener Steigbügelriemen, der durch das ständige einseitige Auf- und Absitzen länger als sein Pendant auf der Gegenseite geworden ist, lässt den Reiter, äußerlich meist kaum sichtbar, automatisch auf einer Seite (meist der linken) tiefer einsitzen als auf der anderen. Eine regelmäßige Kontrolle der Bügellänge ist also auch ein wichtiger Teil der Arbeit an der Balance von Pferd und Reiter. Um die gleichmäßige Länge der Bügelriemen möglichst lange zu erhalten, hilft es schon, öfters mal die Aufstiegseite zu wechseln. Das braucht für die meisten von uns natürlich etwas Übung und Gewöhnung, lohnt sich aber. Oder Sie wechseln öfters mal die Seiten der Bügelriemen aus, wenn Sie sich so gar nicht daran gewöhnen können, nicht nur von links (wie wir es im Reitunterricht ja häufig „eingebläut“ bekommen), sondern auch von rechts aufzusteigen. Und auch ein gelegentlicher kritischer Blick auf die Polsterung des Sattels durch einen Fachmann kann nicht schaden. Denn hat die Passgenauigkeit bereits gelitten, und ist die Sattelsymmetrie dahin, hilft selbst der korrekteste Sitz des Reiters nichts, sein Pferd ausbalanciert zu reiten.