Unter Pferden gibt es ausgesprochene „Arbeitsbienchen“, die sich unter dem Sattel immer mächtig ins Zeug legen und jederzeit ihr Bestes geben. Und solche, die die Arbeit nicht unbedingt erfunden haben. Welche Tricks sich solche Pfiffikusse einfallen lassen, um nicht rangenommen zu werden. Und wie Sie ein echtes Problem von einem vorgetäuschten unterscheiden können.

Es ist manchmal zum Haareraufen: da kommt man gestresst von der Arbeit in den Stall, um sich mit seinem Pferd beim Putzen, Satteln und in der nachfolgenden Reitstunde vom nervigen Büroalltag zu erholen. Doch kaum wird der Sattel aus dem Spint herbeigeschleppt, beginnt der geliebte Vierbeiner zu husten. Also Sattel wieder wegräumen, Pferd zurück in die Box stellen und (-mal wieder-) den Tierarzt rufen. Der dann (-mal wieder-) trotz intensivstem Abhören keine Geräusche an der Lunge und auch sonst nichts feststellen kann.

 

Zum richtigen Zeitpunkt lahm

Ein anderer „Klassiker“, wie es Pferden gelingt, schnell wieder in ihre Komfortzone, sprich Box oder Weide, gelassen zu werden, ist der Trick mit dem Lahmen. Liegt nach ausgiebigem Putzen der Sattel auf dem Pferderücken, und soll es in die Reithalle oder den Reitplatz gehen, lahmt der Vierbeiner plötzlich sehr deutlich, und zwar in solchen Fällen fast immer auf der Vorhand. Mal abgesehen davon, dass es den anderen Reitern in der Bahn gegenüber ein sehr unschönes Bild abgibt, das Viereck mit einem lahmgehenden Pferd zu betreten, wird jeder verantwortungsbewusste Pferdebesitzer natürlich automatisch sofort wieder absatteln und das Pferd (-mal wieder-) zurück in die Box stellen. Dann den Tierarzt rufen, der natürlich nichts findet… aber das hatten wir ja schon. Für das Pferd gilt: Ziel erreicht, es wird für den Moment in Ruhe gelassen.

 

Echt oder „gefaked“?

Damit ich hier nicht missverstanden werde – jedes Pferd, das ein Krankheitssymptom zeigt, sollte je nach Leiden in jedem Fall schnellstmöglich dem Tierarzt, dem Schmied oder dem Physiotherapeuten vorgestellt und intensiv nach der Ursache geforscht werden, keine Frage.

Ich meine hier aber vielmehr jene vierbeinigen Schlitzohren, die sich ihren Reitern gegenüber eine erfolgreiche Strategie zurechtgelegt haben, um den Kelch der Arbeit an sich vorübergehen zu lassen. So erinnere ich mich beispielsweise an einen Fall, bei dem sich ein Pferd mit regelmäßigem „Lahmen“ immer sehr erfolgreich vor der Arbeit gedrückt hat. Die ganze Sache flog dann aber auf, weil sich dieses Pferd dummerweise nicht gemerkt hat, auf welchem Bein es beim letzten Mal vor der Reitstunde „gelahmt“ hat. Und von einem Tag auf den anderen mal das linke, dann mal wieder das rechte Vorderbein „lahmen“ zu lassen, hat seinen Reiter schnell auf die Schliche kommen lassen, dass er von seinem Satteltier wirklich nur veräppelt wurde.

 

Liegt kein tatsächliches Leiden vor, lassen die meisten Pferde ihre Unarten glücklicherweise schnell bleiben, wenn sie merken, dass sie damit keinen Erfolg haben. Doch zwischen „echt“ und „nur vorgetäuscht“ ist für Außenstehende leider nur sehr schwer zu unterscheiden. Am lautesten sollten beim Besitzer die Alarmglocken klingeln, wenn eine derartige plötzlich auftretende Arbeitsverweigerung so gar nicht zum Charakter seines Pferdes passt, weil es eindeutig der Fraktion der „Arbeitsbienchen“ und nicht dem Lager der „Schlitzohren“ zuzurechnen ist. Dann ist natürlich schnelles Handeln angesagt.

 

Nicht vorschnell kritisieren

Besitzer von augenscheinlich deutlich „hustenden“ oder „lahmenden“ (auf welchem Bein auch immer) Pferden kennen ihre Pappenheimer allerdings nur zu gut und können, zwar meist erst nach längerer Tierarzt-Odyssee, sehr genau „echt“ von „will nur nicht“ unterscheiden. Und reagieren Pferde beim Satteln trotz des weichsten Gurts, den das Internet je hergegeben hat, trotzdem mit „Sattelzwang“, kann auch hier die Ursache lediglich in einem „heute passt es mir gerade so gar nicht, dass ich jetzt arbeiten soll“ liegen.

Wenn Sie also bemerken, dass ein Reiterkollege trotz des Lahmens, Hustens oder was-auch-sonst-immer seines Pferdes unbeirrt im Sattel Platz nimmt, kann es ratsam sein, ihn nicht sofort zu kritisieren, sondern erstmal vorsichtig nachzufragen, ob das Pferd trotz des beobachteten Symptoms tatsächlich zu reiten ist. Oft stellt sich dann heraus, dass das angebliche „Leiden“ tatsächlich nur eine Marotte des Pferdes ist, sich der Arbeit unter dem Sattel zu entziehen.

Reiter solcher „Schlitzohren“ haben es oft nicht leicht, die Reitbahn unbefangen zu betreten. Denn sie müssen jedes Mal die kritischen Blicke ihrer Mitreiter aushalten und sich dafür rechtfertigen, nicht sofort wieder umzukehren und ihr Pferd in seine Komfortzone zu entlassen. Womit das Pferd dann aber genau das erreicht hätte, was es eigentlich will. Nämlich einfach in Ruhe gelassen zu werden.