Warum ein achtsames Verhalten des Reiters im Sattel und am Boden für Pferde so grundlegend wichtig ist. Und wie echte Kommunikation zwischen Mensch und Pferd wirklich gelingt.

Wie schon im letzten Blog ausgeführt, spielt die eigene Wahrnehmung im Umgang mit Pferden eine zentrale Rolle. Wer die Umwelt wie sein Pferd wahrnimmt, findet auch einen ganz anderen Zugang zu sich selbst und seinem Pferd. Was dann auch so manch für uns manchmal unverständliches Verhalten unserer Sport- und Freizeitpartner, etwa scheinbar „grundloses“ Erschrecken, eine Verweigerung vor einem Sprunghindernis und dergleichen erklärt.

 

Die Welt mit Pferdeaugen sehen

Der Weg zur erfolgreichen Kommunikation mit dem Pferd führt ausschließlich über die Pferdewahrnehmung. Daher ist es wichtig, die eigene, nach rein menschlichen Maßstäben ablaufende Wahrnehmung der Sichtweise des Pferdes anzupassen. Was zugegebenermaßen gar nicht so einfach ist. Denn Pferde sind in weit größerem Maße „Formenseher“ als wir Menschen. Als Fluchttiere sind sie in jedem Moment darauf angewiesen, selbst kleinste Veränderungen in ihrer Umwelt unmittelbar wahrzunehmen und darauf zu reagieren.

Auch sollten Sie sich bei diesem Experiment vergegenwärtigen, dass sich die Pferdeaugen seitlich am Kopf der Tiere befinden, was ihnen ein ganz anderes, viel weiteres Blickfeld ermöglicht als uns Menschen. Die seitliche Anordnung der Augen macht für das Fluchttier Pferd Sinn, da es mit einem weiten Blickfeld das Herannahen von Fressfeinden schon sehr rechtzeitig erkennen und sich der Gefahr durch Flucht entziehen kann. Perfektioniert wird das Frühwarnsystem der Augen durch die längliche Form der Pupillen, die es ermöglicht, selbst große, weitläufige Flächen mit einem kurzen Blick zu erfassen.

Mit achtsamer Wahrnehmung erfassen Pferde selbst kleinste Veränderungen in ihrer Umwelt. In freier Natur überlebenswichtig, führt diese intensive Achtsamkeit gegenüber der Umwelt dann auch unter menschlicher Obhut und in sicherer Umgebung zu manch unerwarteter Reaktion. In der Wahrnehmung unserer Pferde müssen wir demnach nahezu Blind und taub durchs Leben laufen, weil uns so vieles entgeht, was für Pferde „überlebenswichtig“ sein könnte. Ist die helle Unterseite eines Blattes im vom Wind geschüttelten Busch wirklich nur ein Blatt? Oder nicht doch das Auge eines Raubtieres? Im Ernstfall könnte langes Überlegen und Abwägen für Ihr Pferd jetzt tödlich sein. Unsere Reittiere können ja nicht wissen, dass es bei uns (fast) keine frei umherlaufenden Raubtiere mehr gibt.

Die Welt mit Pferdeaugen zu sehen bedeutet, einen Gegenstand in seiner Umgebung so zu erfassen, dass Sie nur seinen Sinn und seinen Informationsgehalt wahrnehmen, ohne ihn zu interpretieren. Sehen Sie beispielsweise eine hölzerne Parkbank im Gelände, versuchen Sie nicht, diesen Gegenstand spontan als „Sitzmöbel zum Ausruhen“ zu bewerten, sondern reduzieren Sie die Wahrnehmung dieser Bank auf die Information „hölzerner, merkwürdig geformter Gegenstand“, so wie es ein Pferd tun würde. Blenden Sie dabei Empfindungen wie „gleich“ oder „eben“ aus, und bleiben Sie nur im Hier und Jetzt.

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Üben Sie diese Form der Spontanwahrnehmung aus Sicherheitsgründen zunächst ohne Pferd und in einer ruhigen, sicheren Umgebung. Denn dieser Betrachtungszustand ähnelt in gewisser Weise der Versunkenheit bei einer Meditation und reduziert anfangs die Möglichkeit der schnellen Reaktion. Das Ausblenden des Gleich und Eben verlangt sehr viel Konzentration.

Um Ihnen eine Hilfestellung bei dem zu geben, was ich mit Spontanwahrnehmung meine, möchte ich Sie mit einer kleinen Übung vertraut machen, die ich auch immer auf meinen Kursen einsetze, um meine Kursteilnehmer auf die Art und Weise der Wahrnehmung ihrer Pferde einzustimmen.

 

Die eigene Wahrnehmung schulen

Wichtig ist es dabei zu begreifen, dass das Wesen von Form und Energie im Moment des Jetzt im Grunde das Gleiche ist. Stellen Sie sich einmal Begriffspaare vor, die sich einander ergänzen und die ohneeinander nicht existieren können. Es handelt sich dabei um Begriffspaare wie „hell“ und „dunkel“. Es gibt den Zustand „hell“ nur, weil gleichzeitig als Abgrenzung dazu das „Dunkel“ existiert. Würde es „dunkel“ nicht geben, gäbe es auch keinen Zustand, aus dem heraus sich „hell“ definieren ließe, weil die gegenseitige Abgrenzung zueinander fehlt.

Weitere Begriffspaare sind etwa heiß und kalt, hoch und tief oder trocken und nass. Sie werden nur Begriffspaare finden, die in ihrem Bezug aufeinander in einem dynamischen Verhältnis stehen und nie starr miteinander verbunden sind.

Gehen wir einen Schritt weiter: Suchen Sie nach gegenständlichen Begriffen, die einander bedingen. Sie werden feststellen, dass Sie hierfür nur Begriffspaare finden werden, die sich aus einer dynamischen Sichtweise heraus voneinander abgrenzen lassen. Um zu verdeutlichen, was ich damit meine, möchte ich Sie bitten, sich eine Gebirgslandschaft vorzustellen, mit hohen schneebedeckten Gipfeln und weiten tiefen Tälern. Gehen Sie in Gedanken durch diese Landschaft, und versuchen Sie festzustellen, wann ein Tal zu Ende ist und ein Berg beginnt.

Sie werden schnell merken, dass eine eindeutige Abgrenzung von einem Berg gegen ein Tal schier unmöglich ist. Denn Berg und Tal bedingen sich gegenseitig und sind nur in Bezug aufeinander möglich. Anders ausgedrückt: Einen Berg gibt es nur, weil er ringsherum von Tälern umgeben ist, ebenso wie das Tal nur deshalb existiert, weil es rundherum durch Berge begrenzt wird. Selbst bei den Begriffen Hochebene oder Tiefebene funktioniert diese Abgrenzung nur, wenn es einen Bezugspunkt gibt, der im Fall der Hochebene ein tieferes Niveau aufweist oder im Fall der Tiefebene auf ein höher gelegenes Niveau ansteigt.

Mit dieser Erkenntnis gerüstet können Sie einmal versuchen, Ihre unmittelbare Umgebung auf den energetischen Bezug der Gegenstände untereinander hin wahrzunehmen. Diese Art der Wahrnehmung bedingt automatisch eine gesteigerte Sensibilität gegenüber dem Wahrgenommenen. Und das ist der Punkt, an dem sich Ihre Wahrnehmung mit der Ihres Pferdes zu decken beginnt.

Aus dieser Art der Wahrnehmung erklärt sich, dass Pferde immer auf der Ebene ihres Gegenübers reagieren. So wird ein grober Umgang und der Einsatz physischer Gewalt immer mit entsprechenden physischen Gegenreaktionen beantwortet. Eine für das Pferd unverständliche Handlung von Ihnen, also eine fehlerhafte Informationsübermittlung, wird es auch auf dieser Informationsebene beantworten, entweder durch Kontaktabbruch oder durch einen sonstigen Aufmerksamkeitsentzug. Dabei kann unter unverständlicher Handlung für das Pferd auf der Informationsebene auch das unbewusste Verrutschen des Sitzes im Sattel und das damit verbundene Verlagern der Balance verstanden werden.

Ohne es zu wissen, brachte schon der chinesische Philosoph Laotse diese Sichtweise und Wahrnehmung von uns Menschen unseren Pferden gegenüber auf den Punkt: „Das Nicht-Handeln üben: So kommt alles in Ordnung.“

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