Warum ein achtsames Verhalten des Reiters im Sattel und am Boden für Pferde so grundlegend wichtig ist. Und wie echte Kommunikation zwischen Mensch und Pferd wirklich gelingt (Teil 1).

Unsere vierbeinigen Sport- und Freizeitpartner sind eben Pferde und keine Menschen. In dieser einfachen Feststellung steckt aber weit mehr, als es zunächst den Anschein hat. Denn diese Andersartigkeit bedingt auch ein anders-sein in der Art und Weise der Verständigung untereinander und folglich auch in der Kommunikation mit uns Menschen.

Im Leben einer Pferdeherde spielt Kommunikation der Herdenmitglieder untereinander eine ganz entscheidende Rolle, um ein sicheres Leben im Schutz der Gemeinschaft zu gewährleisten. Kommunikation ist daher auch der Schlüssel für den sicheren Umgang des Menschen mit seinem Pferd.

Bei allen meinen Lehrgängen, die ich schon zum Thema der Verständigung mit Pferden gehalten habe, zeigt sich immer wieder, dass der Reiter ganz entscheidend selbst bestimmt, ob sein Pferd ihn verstehen kann oder nicht. Der Einfluss, den Sie ab dem ersten Moment der Kontaktaufnahme auf Ihr Pferd haben, ist dabei immer unsichtbar. Gerte, Longe, Hilfs- und andere Zügel verhindern durch ihre Unnachgiebigkeit eine verlustfreie Kommunikation zwischen Pferd und Reiter. Denn das, was Sie von ihm möchten, vermitteln Sie immer nur durch Gedanken und dynamische Informationen. Der Einsatz solcher Hilfsmittel ist, als wollten Sie einer Person im Nebenzimmer etwas durch die Wand hindurch zurufen. Da aber die dynamischen Schallwellen die starre Wand nur schwer durchdringen können, wird das nicht oder zumindest nicht richtig funktionieren.

Warum ein achtsames Verhalten des Reiters im Sattel und am Boden für Pferde so grundlegend wichtig ist. Und wie echte Kommunikation zwischen Mensch und Pferd wirklich gelingt

Alles ist Kommunikation

 Auf diese Weise kann auch ein statisch am Sattel befestigter Ausbinder als Gegenstand nicht reagieren. Wenn er überhaupt eine Information auf das Pferd übertragen kann, dann allenfalls die Information „Schmerz im Maul“. Dadurch, dass ein Ausbinder aber keine Information vom Pferd an den Reiter zurückgeben kann, nehmen Sie sich eine wichtige Informationsquelle und beschneiden damit Ihre eigenen Möglichkeiten, auf das Pferd einzugehen. Je (unnötig) mehr Leder, desto weniger kann sich das Pferd entfalten und desto weniger können Sie es somit verstehen!

Der Pferdetrainer Michael Geitner bringt es auf den Punkt: „Was wir von den Pferden verlangen, können sie schon. Wir müssen nur lernen, es ihnen zu sagen.“ An diesem Satz ist viel Wahres dran. Denn was unterscheidet das imposante Drohverhalten eines Hengstes oder das Spielen eines Wallachs mit Artgenossen von den Lektionen, die unsere Pferde in der Reitbahn leisten sollen? Oder anders ausgedrückt: Wir können von den Pferden nichts verlangen oder ihnen beibringen, wozu sie aufgrund ihrer körperlichen und geistigen Fähigkeiten nicht in der Lage sind und was sie nicht schon längst wissen.

 

Wer bewegt wen?

Eine ganz zentrale Rolle bei der Verständigung zwischen dem Reiter und seinem Pferd spielt die Frage, wer wen bewegt, und wer sich von wem bewegen lässt. Eine Leitstute treibt ihre Herde stets vor sich her, an der Tränke genügt ein Blick, eine Geste, um rangniedrigere Tiere zu bewegen, großzügig Platz zu machen. Auch der Futterplatz eines ranghohen Tiers wird lediglich mit einem kurzen Anlegen der Ohren beansprucht und frei gemacht. Mit wenigen Signalen, ohne Schläge oder andere mechanische „Hilfsmittel“, werden also Absprachen und Abläufe organisiert. Im Zusammensein der Pferde in einer Herde ist es immer die dynamische Information, die den Willen eines ranghöheren Pferdes auf die übrigen Tiere überträgt. Und keine Gerte oder sonst ein starrer Gegenstand.

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(Foto: Antje Kulms)

Für das Zusammensein mit unseren Pferden stellt sich bei der intensiven Arbeit am und mit dem Pferd, egal ob vom Boden oder im Sattel, bisweilen die gar nicht so kuriose Frage, wer eigentlich wen beeinflusst, der Mensch das Tier oder das Tier den Menschen. Denn beobachten wir uns einmal selbst: Von dem Moment an, wenn wir unser Pferd von der Weide oder aus der Box holen, um mit ihm zu arbeiten, lässt uns das Pferd, ohne selbst auch nur einen Muskel anzuspannen, wie eine Marionette hin und her springen, ohne dass es uns bewusst ist:

Vor dem Reiten: Wir putzen von links, von rechts, wir laufen nach dem Sattel, nach der Trense. Wir führen das Pferd auf den Platz oder in die Halle und haben, ohne es zu bemerken, oft bereits etliche Hundert Meter an Bewegungsstrecke zurückgelegt, ohne dass unser Pferd sich selbst auch nur einen Zentimeter bewegen musste. Machen Sie sich doch mal den Spaß, mit einem Schrittzähler zu messen, wie weit Sie sprichwörtlich gehen müssen, bis Sie vor dem eigentlichen Training zum ersten Mal im Sattel sitzen. Sie werden erstaunt sein!

Nach dem Reiten: Wir führen das Pferd von der Halle oder dem Reitplatz zurück in den Stall, schleppen den Sattel an seinen Platz, waschen die Trense aus und bringen sie weg. Dann laufen wir wieder nach der Putzkiste, anschließend noch rasch die Weidedecke aufgelegt, und bis das Pferd endlich wieder im Stall oder auf der Weide steht, sind vom Reiter nochmals viele Strecken zurückgelegt worden.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen: „Aber ich muss doch mein Pferd für die Arbeit vorbereiten, es satteln und nachher noch versorgen.“ Das ist natürlich völlig richtig und notwendig und oft auch gar nicht anders machbar. Aber versetzen Sie sich einmal in die Wahrnehmung Ihres Pferdes: Ohne dass es sich bewegt, flitzen Sie wie ein Diener um das Tier herum. Ein Pferd lernt aber in der Herde, und sei sie noch so klein, dass derjenige, der von einem anderen „bewegt“ wird, nie selbst die Führung übernehmen kann.

Wenn Sie jetzt Ihr Verhalten mit den Augen Ihres Pferdes beobachten, muss Ihr vierbeiniger Sportsfreund zu der Überzeugung kommen, dass Sie ein rangniedrigeres Herdenmitglied sind, das allein schon durch seine pure Anwesenheit in hektische Aktion verfällt. Haben Sie im Sattel Platz genommen, soll Ihr Pferd plötzlich für die Dauer der Reitstunde in Kauf nehmen, sein Leben und seine Sicherheit Ihnen, einem „rangniederen“ Herdenmitglied, anzuvertrauen und sich durch Sie bewegen zu lassen? Nachdem Sie im Vorfeld durch Ihr Verhalten bewiesen haben, dass Sie Ihr Pferd als den selbstverständlich Ranghöheren anerkennen? Das wäre für Ihr Pferd etwa das Gleiche, als wenn Sie für eine gefährliche Hochgebirgswanderung den Kapitän eines Küstenschiffes von der Nordsee als Bergführer engagieren würden. Natürlich sind das Satteln und Trensen notwendige Vorarbeiten, um eine Reitstunde zu absolvieren. Aber die Tatsache der andersartigen Interpretation Ihres Verhaltens durch das Pferd bleibt dennoch bestehen.

Das nächste Mal: Wie Sie das Dilemma der Rangfolge auflösen können, und wie echte Kommunikation zu mehr Vertrauen und Gelassenheit im Umgang führt.